A wie Abnehmen

Der durchschnittliche Leser der Laufeinheit ist 89 Jahre alt, was damit zu tun hat, dass ich in Seniorenheimen gelegentlich Gymnastikstunden gebe und meine „Kunden“ zwinge, diesem Erfolgsblog zu folgen. Dieses führt dazu, dass das Gros der Leser unter „Abnehmen“ das Annehmen eines Telefonates versteht und an Abnahme im Sinne des Gewichtsverlustes gar kein Interesse hat, weil es nicht mehr lohnt. Das Schönheitsideal hat keine Priorität mehr in diesem Alter, möchte ich behaupten, und verweise aber auch darauf, dass es beim Abnehmen ja nicht nur um das diesem Ideal Gerechtwerden, sondern durchaus um gesundheitliche Aspekte geht: Viele Menschen laufen, um Gewicht zu verlieren. Sie verlieren dieses auch, jedoch dürfte der eine oder andere enttäuscht sein, denn das Laufen ist eben nicht die Sportart der Wahl, wenn man Gewicht verlieren möchte.

Ich bin zur Zeit deutlich schwerer, als ich es zu meinen bewegungslosen Zeiten war. Denn Bewegung alleine bringt schlicht: nichts. Dass der Mensch durch Sport Gewicht verliert, ist ein Mythos, denn mit oder ohne Sport gilt: Wer abnehmen will, muss mehr verbrennen als er an Kalorien zu sich nimmt. Die Bücherverbrennung der Nazis war nicht nur unter diesem Gesichtspunkt völlig fehl am Platz.

Was wir beim Laufen an Kalorien verbrennen, ist eher dürftig: eine halbe Stunde des lockeren Laufes verpulvert gerade mal lächerliche 365 Kilokalorien (bei einem 70 Kilogramm schweren Menschen), was freilich ein Durchschnittswert ist, der individuell abhängig von Alter, Geschlecht und eben Gewicht ist. 365 Kilokalorien sind weniger als 100 Gramm Schokolade zu bieten haben und der „Steakhouse Beef Classic“, den ich am vergangenen Montag bei „McDonald’s“ hatte, schlägt mit satten 760 Kilokalorien zu Buche, ich müsste somit eine ganze Stunde laufen, um ihn wieder loszuwerden. Oder ihn erst gar nicht essen. Aber nach einer zweiwöchigen Suppendiät brauchte ich sowas mal …

Wir stellen bitter fest, dass es ohne eine bewusste Ernährung eben nicht geht und sportliche Aktivität leider endloses Fressen nicht erlaubt. Das ist eine bittere Wahrheit, die noch nie in dieser Deutlichkeit niedergeschrieben worden ist. Ich selbst laufe aus vielen Gründen, doch selbst minimalster Gewichtsverlust ist nicht ansatzweise ein Grund für mein Laufen. Wer sich für eine gesunde Ernährung interessiert, ist beispielsweise hier besser aufgehoben.

Denn die Ernährung dient in meinem Dasein nur einem Zweck: dem Überleben. Ich persönlich halte nichts von Regeln, die mir verbieten, dass ich um 18.05 Uhr Kartoffeln esse oder zum Frühstück die Pizza vom Vorabend. Ich esse das, wonach es mich gelüstet, wobei letztlich immer die Anzahl der Kalorien ausschlaggebend ist. Dieses Vorgehen nach Zahlen vereinfacht das Halten von Gewicht ungemein (auch deshalb ist „Malen nach Zahlen“ so ein Erfolg): Will ich es loswerden, verringere ich die Kalorienzufuhr. Es ist genau so einfach, aber in der Umsetzung freilich schwer. Hier ist jeder selbst Schmied seines eigenen Glückes; ich halte nichts davon, dass uns eine Industrie Dinge vorschreibt.

Den Wahn, der um Ernährung gemacht wird, verabscheue ich regelrecht, da er oft auf Trends setzt, die in wenigen Jahren wieder verteufelt und durch neue ersetzt werden. Ich las gestern über die Trendfrucht „Avocado“, die derzeit in unseren Speiseplan gepresst wird. Damit sie auf unseren deutschen Küchentischen landet, werden tausende Liter Wasser pro Frucht investiert, während die Kühlkette auf ihrem Transport von ihren Anbaugebieten, die alles andere als umweltschonend sind und anderen Menschen die Lebensgrundlage nehmen, unverhältnismäßig viel Energie frisst. Ich bin der Meinung, jeder solle essen, was er mag. Aber manch Veganer, den ich hier keineswegs angreifen möchte, vergisst mitunter den enormen Energieaufwand, den er verursacht, um möglichst ressourcenschonend zu essen. Er erreicht im Extrem das Gegenteil seiner Absicht. So viel Ehrlichkeit sollte möglich sein, ohne einen Sturm der Entrüstung zu ernten. Ich sage ja nicht, dass die Massentierhaltung gut ist. Auf beiden Seiten muss differenziert werden.

Ich betreibe neben dem Laufen ein erhebliches Maß an Kraftsport und nehme seit einigen Wochen spürbar zu. Leider ist das nicht nur Muskelmasse und auch auf schwere Knochen kann ich nicht verweisen. Je mehr Sport man betreibt, desto mehr Hunger hat man, ergab eine subjektive Empfindung von mir. Und genau da wird es gefährlich: Gäbe ich dem Hunger vollumfänglich nach, weiß ich, dass mir die Weihnachtszeit den Rest gäbe.

Ich bin kein Freund pauschaler Zahlen. Doch angenommen, sie treffen im Schnitt zu, so gilt, dass ein möglichst hoher Puls beim Laufen nicht besonders viel Fett verbrennt. Nebenbei ist es ein unerträglicher Mythos, dass der Körper überhaupt erst nach einer halben Stunde der Bewegung Fett verbrennt – er tut es sofort. Immer. Tatsächlich heißt es, eine konstante Pulsrate von 130 Schlägen pro Minute sei ideal, um möglichst viel Fett zu verbrennen. 80 Prozent etwa der benötigten Energie holt sich der Körper aus den Fettreserven, während der Rest aus dem Kohlehydratespeicher kommt. Legt man eine Schippe drauf an Puls, ändert sich dieses Verhältnis zu Ungunsten des Fettverbrauches, da der Körper schneller mehr Energie benötigt und die liefern die Kohlenhydrate. Aber nach wie vor auch Fett, sodass eine höhere Trainingsintensität durchaus geeignet ist, um mehr Fett zu verbrennen.

Jahrelang habe ich selbst geglaubt, dass Laufen zwar nicht viel verbrennt, was ja so ist, aber ich saß dem Irrtum auf, dass der Stoffwechsel meines Körpers insgesamt effizienter ablaufe. Das trifft für einen kurzen Zeitraum unmittelbar nach dem Training durchaus zu, doch gewöhnt sich der Körper auf Dauer an das höhere Fitnesslevel, sodass er die vorhandenen Fettreserven eben auch tatsächlich effizienter angeht, also weniger schnell auf Dauer: In Ruhephasen verbraucht ein gut trainierter Körper weniger Kalorien.

Bittere Zwischenbilanz. Nun werden wir offenbar fett, weil wir laufen!

Darum müssen Muskeln her. Denn die verbrennen letztlich Fett (Leider gilt nicht, dass der Aufbau von Muskeln am Bauch auch das Fett des Bauches verbrennt! Zielgerichtetes Fettverbrennen funktioniert leider nicht). Und wer sich mal Läufer genauer ansieht, wird bei denen, die wirklich nichts anderes tun, feststellen, dass sie eher nicht zu Muskelprotzen mutieren. Gerade bei den Herren, die meinen, Leggings tragen zu müssen, sieht man das mitunter sehr eindrucksvoll. Also müssen die Muskeln auf andere Weise rangeschafft werden; ich empfehle Kraftausdauertraining. Denn je mehr Muskeln vorhanden sind, desto mehr Fett verbrennt der Körper – und das auch im Ruhemodus, selbst im Schlaf.

Das klingt alles ernüchternd, wenn man aus Gründen des Gewichtes laufen geht. Warum? Weil es das auch ist. Das Laufen flankiert die gesunde Ernährung und das gepaart mit Kraftsport könnte der optimale Dreiklang sein um abzunehmen. Doch ich werde nie müde zu betonen, dass das Abnehmen gar nicht der eigentliche Grund sein sollte, das Laufen anzufangen, es gibt genug andere sehr gute Gründe, die hier in der Laufeinheit künftig noch eine Rolle spielen werden.

Es gilt aber auch, dass Laufen das Abnehmen nicht konterkariert und ich bin der letzte, der anderen rät, etwas aus welchen Gründen auch immer zu tun. Ich habe über viele Jahre diverse Laufmagazine gelesen und schnell festgestellt, dass diese sich gerne in bestimmten Zyklen immer wieder neu widersprechen. Das kann sich auf die Frage beziehen, ob man morgens auf nüchternen Magen losläuft, denn lange hieß es, der Körper habe in dem Fall lediglich Fettreserven zur Verfügung. Das stimmt. Aber: Das Fett wird nur verbrannt, wenn überhaupt Zucker zur Verfügung steht! Das soll einer ahnen! Ich laufe immer mit leerem Magen los, geraten wird allerdings von Experten zur ante-Lauf-Banane. Aber wie gesagt, mir geht es nicht um das Abnehmen. Und inzwischen schreiben die Gazetten, man solle eben nicht nüchtern los laufen. So verhält es sich mit zahlreichen Ratschlägen in jenen Magazinen, die sich einem eng gefassten Thema verschrieben haben, aber dennoch wöchentlich oder monatlich ihre Seiten füllen müssen. Da wird jeder Trend aufgegriffen, wenn nicht selbst schon erfunden, totgeritten, bis das Chiasamen-Brot der Azteken das Proteinbrot abgelöst hat, da sich die Bäcker über jeden neuen Trend freuen. Übrigens, wo sind die Azteken heute?! Die dem Chiasamen zugeschriebene Wirkung ist nicht einmal bewiesen, während das Proteinbrot erschrecken kalorienreich ist.

Ich bin aber auch kein Sportmediziner. Und wenn ich mir einen 130 Kilo schweren Menschen vorstelle, bin ich unbedingt geneigt, ihm zumindest viele Fußwege nahezulegen, sofern er mich um Rat fragt, denn unerbetener Rat ist unerträglich. Und dass man mit 130 Kilogramm auf den Füßen nicht unbedingt mit einem Intervalllauf in den Tag starten sollte, ist auch klar.

Für mich als Fazit bleibt, dass ich dann Gewicht verliere, wenn meine Kalorienbilanz es erlaubt. Laufen kann das unterstützen, ist aber nicht die Methode der Wahl. Muss auch nicht.

Das war A. Freuen wir uns auf B. B wie betretenes Schweigen, nachdem der Läufer von einem LKW überrollt worden war.


Veganer können mich nun auf meiner Facebook-Seite beschimpfen!

19 Kommentare Gib deinen ab

  1. sirovio sagt:

    Super, dass ich endlich einmal durch jemand anderen bestätigt bekomme, dass Laufen alleine nicht zur Reduktion von Körpermasse führt. Ich treibe seit 2012 keinen Sport mehr und habe tatsächlich nicht ein Gramm zugenommen. Mir scheint, ich habe mein Gleichgewicht aus Zufuhr und Verbrauch von Kalorien gefunden. Es gefällt mir, über den Sport anderer zu lesen! Aber seitdem ich mit meiner Sportart (Handball) aufgehört habe, hat noch keine Alternative meinen Weg gekreuzt. Mit dem Laufen habe ich es versucht, wirklich, soger ziemlich motiviert…es ist sterbenslangweilig! 🙂

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    1. Seppo sagt:

      da muss ich gegen anschreiben!!!! 😉

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      1. sirovio sagt:

        Ich glaube, mir fehlt einfach die Dynamik des Handballs beim Laufen. Das schnelle Umschalten zwischen Angriff und Abwehr. Der Kontakt mit dem Gegner, der auch durchaus schmerzhaft sein kann, fehlt ebenfalls. Beim Laufen kämpfe ich gegen mich, aber ich kann mich ganz gut leiden und mag nicht gegen mich kämpfen. 🙂 Aber versuch’s ruhig!

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  2. Michael sagt:

    Wunderbarer Bogen von Abnehmen über die ‚umweltfeindliche‘ vegane Ernährung und Verstoffwechselung zum Nüchternlaufen.. sehr schön! Ich bin ein klarer Verfechter des Nüchternlaufens am Morgen… Mig Restalkohol in den Straßenverkehr geht nicht…. da ist man ein Fall für den ‚B’etroffenheitslaster

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  3. ChaosLu sagt:

    Ich war auch immer eine Nüchternläuferin und fand daran nichts Schlimmes. Habe damit aufgehört, als ich wegen des Austragen eines wunderbaren Kindes von der nüchternläuferin zur Nüchtern-Kotzerin wurde, was sich mit dem laufen nicht so gut verträgt, aber leider auch nicht mit meiner Waage. Ich kann nicht mit vollem Magen laufen, und schon eine Banane geht mir gegen den Strich. Ich habe mal gelesen – und es nie auf den Wahrheitsgehalt überprüft, aber es schien mir logisch und deckte sich mit meinen Erfahrungen- dass der Körper bei einer gewohnten Belastung auf Sparflamme schaltet. Halbe Stunde oder sogar Stunde im Zuckeltempo, das macht nur noch den Kopf frei, nicht aber die Waage. Da müssen schon Intervalle, scharfe Antritte und so was her. Da gibt es wunderbare Laufpläne zum Beispiel von Runners World, denen ich verdankte, dass ich damals in mein Brautkleid passte.

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  4. ich hab grad eine unglaubliche idee: was wär, wenn jeder so tut wie es für ihn passt? mag sein, dass in einem jahr wieder festgestellt wird, dass man eh nüchtern laufen soll. man muss nur geduld haben, irgendwann passt man wieder in den trend.

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  5. und, seppo, dein blog liest sich sehr vergnüglich!

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    1. Seppo sagt:

      Vielen dank. 🙂

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  6. Tilak sagt:

    Ich wollte nur kurz sagen, dass es denkbar unlogisch ist, dass gerade ich von einem laufblog gefolgt werde, gerade ich antisportlerin! Aber da Herr seppo mein erst vierter Follower ist, nehme ich die Herausforderung dankbar an und werde hier zumindest lesen, wie es ginge.

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  7. szWebBlog sagt:

    Ich laufe aus Freude und kann dabei ganz alleine meinen Gedanken nachgehen.
    Was mir jedoch immer wieder auffällt ist die unterschiedliche Lust, zu essen. So habe ich nach einem Lauf viel mehr Appetit auf gesunde und leichte Ernährung, während dem ich ohne Laufen um einiges mehr reinkriege und dazu wohl noch ein zwei Bier.
    Das hat natürlich keine Allgemeingültigkeit, aber bei mir ist es sehr häufig so. Ich sag dann immer etwas überspitzt: heute Pizza und Bier oder Laufen und Salat?

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  8. cremenoir sagt:

    Sehr unterhaltsam ! Und hilfreich, denn … ich wollte später laufen gehen… nur laufen 🙂 den Plan werd ich jetzt wohl etwas abändern 😉

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  9. chiarabr sagt:

    hast du vorschläge für krafttraining? am besten ohne geräte? ein post-joogging-workout vielleicht?
    habe auch gerade wieder mit Laufen angefangen und habe nach meinem ersten 5k run Probleme mit dem rechten knie bekommen…. 😦

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    1. Seppo sagt:

      bist du fersen- oder vorfußläufer? wie alt ist dein schuh?

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      1. chiarabr sagt:

        fersen… der Schuh ist neu (vielleicht 10mal gelaufen)

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      2. Seppo sagt:

        ich werde bald mal über die vorteile des vorfußlaufes schreiben. hier erstmal nur soviel: wenn du mit der ferse auf dem untergrund aufkommst, federt das knie dein gewicht und den aufprall ab. das führt auf dauer zu schmerzen. daher wird der vor- oder auch der mittelfußlauf empfohlen. achte darauf, beim laufen NICHT mit der ferse den boden zu berühren. die umstellung darauf ist nicht einfach und führt in der ersten zeit zu erheblichem muskelkater in den waden. beim vorfußlauf ist es die wadenmuskulatur, die sehr beansprucht wird, während das knie fein raus ist. ioch selber brauchte für die umstellung etwa drei wochen; es ist eine frage der gewöhnung und des ttrainings. weiterer vorteil: du wirst automatisch schneller, da man sich beim fersenlauf permanent selbst abbremst.

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      3. chiarabr sagt:

        auch dazu gibt’s wieder tausend Meinugen im Internet. Runnersworld sagt zum Beispiel, dass Vorfusslaufen auch seine Nachteile hat und es keinen Sinn macht, den Laufstil umzustellen.
        http://www.runnersworld.de/training/auf-dem-vorfuss-oder-ueber-die-ferse-laufen.48883.htm

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      4. Seppo sagt:

        ja. aber wenn man probleme mit dem knie hat, drängt es sich geradezu auf. ich hatte massive probleme, sie waren – ungelogen – nach wenigen tagen weg!

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  10. zweitblick sagt:

    hmm..also noch nichtläuferin aber durchaus abnehmwillige leserin steh ich nun ein wenig ernüchtert hier rum…was nun. es ist ja nicht so das ich unbedingt laufen will aber abnehmen ohne sport….das geht dann wohl doch eher nicht…seufz

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