Sonntagmorgen-Lauf

Diesen Artikel schrieb ich vor einigen Wochen für meinen zweiten Blog, das seppologAn sich wollte ich auf Wiederholungen verzichten, hier mache ich die Ausnahme und lege den Grundstein für die vierte Serie hier in der Laufeinheit, den „Lauferlebnissen“, beschreibt dieser Artikel doch sehr gut die Stimmung, die ein Lauf in kalter, frischer Luft mit sich bringen kann.

Es gibt für mich zwei Arten von Sonntagmorgen: solche und solche. Vor zwei Wochen erlebte ich einen Sonntag, der sich ganz der Rekonvaleszenz widmete. Nicht der einer Grippe, sondern der einer mehr oder weniger durchgefeierten Nacht. Es sind diese Sonntage, an denen es bereits eine Herkulesaufgabe ist, sich vom Bett zum Sofa hinzubewegen, wo man dann auf den Abend wartet, um den umgekehrten Weg in Angriff zu nehmen, bis der Montag einen ins Leben zurückholt.

Heute allerdings ist kein solcher Sonntag, sondern ein solcher. Was für ein Kontrast zum vergangenen! Auf frühes Aufstehen und Lektüre der Sonntagszeitung folgt ein Lauf, für den ich seltsam hochmotiviert bin, was einen Grund hat: Mein neues Schuhwerk scheint tatsächlich mein Fersenproblem der vergangenen Wochen zu erledigen, sodass ich erstmals seit rund 25 Läufen wieder frei von Schmerzen werde laufen können. Und auch wenn ich Freund des Sommers bin, haben sonnige zehn Grad bei frischer Luft ihren ungemeinen Reiz, um einen Tag zu beginnen.

Düsseldorf, Hüttenstraße. Weniger belebt an einem Sonntag als in der Woche. Vorbei an der Feuerwache, die offenbar einen neuen Fassadenanstrich erhält. Hier entlangzujoggen ist immer spannend, denn oftmals kommen wie aus dem Nichts die Einsatzfahrzeuge eher ungebremst aus der Toreinfahrt, die ich passiere. Als Läufer weiß man, dass man seine Augen permanent überall haben muss, wenn man mitten durch die Stadt läuft. Dieses Mal geht es wieder gut, was für die eine Enttäuschung ist, die gegenüber der Toreinfahrt mir ihren Handykameras stehen und die man vermutlich „Feuerwehrspotter“ nennt. Ihre Videos findet man zuhauf bei Youtube; ein kurioses Hobby, das sich nicht weniger Aufrufe erfreut:

Bereits nach drei Minuten weiß ich, dass sich mein Fersenproblem erledigt haben dürfte. Wochenlang schmerzte sie beim Laufen und leider auch beim Gehen. Gestern erwarb ich neues Schuhwerk und wieder einmal bestätigt sich, dass ein ausgelaufener Schuh in seiner Misswirkung nicht unterschätzt werden sollte.

Ich laufe weiter und nehme zwei Fußgängerampeln bei Rot. Grundsätzlich warte ich an roten Ampeln, da ich schon einmal angefahren worden bin, als ich es mal nicht tat. So etwas schreckt nachhaltig ab. Diese zwei Ampeln kenne ich gut und da auch keine Kinder in der Nähe sind, deute ich Rot zu Grün um und laufe vorbei an der Wohnung meines früheren Kollegen Archobald. Er liegt entweder noch halbtot im Bett oder spielt bereits Tennis, denke ich, denn auch er schätzt den frühen Sport.

Ende 2014 wurde der „Kaufhof“ geschlossen, den ich passiere, der nun zu einem Konsumtempel umgebaut wird, zu einer Art Einkaufszentrum, das den albernen Namen „Crown“ bekommen wird. Angesichts dessen sehe ich Investoren mit kleinen Pillermännern vor meinem geistigen Auge, die mittels Anglizismen ihr vermeintliches Defizit zwischen ihren Beinen kompensieren. Hier laufe ich auch an einer Bäckerei vorbei, die es offenbar duldet, dass Herbert dort vor der Tür sitzt. Das ist nicht selbstverständlich, denn Herbert ist obdachlos und schläft dort auch ganz offensichtlich mehrfach die Woche. Herbert und ich kennen uns inzwischen, denn er sitzt immer dort, wenn ich diese Strecke laufe. Er bekommt jeden Morgen einen gratis Kaffee, ergeht sich dann allerdings in Alkohol. Offenbar hat er das heute bereits getan, da Herbert mich nicht erkennt und auf mein Zurufen Unverständliches lallt. Und ich überlege, wie er den Winter wohl übersteht. Ich finde es jetzt schon kalt, was ich anders als er gerade sehr genieße.

Berliner Allee. Sie ist eine Hauptverkehrsader Düsseldorfs, die nach dem Zweiten Weltkrieg angelegt worden war. Der Berliner Bär ziert ihren Eingang und wurde 2014 von einem LKW umgefahren – zum dritten Mal seit 1960, seit er dort steht. Willy Brandt hat ihn mitgebracht. Mehr oder weniger.

Nun laufe ich Richtung Innenstadt, vorbei an teuren Einrichtungsgeschäften und der Düsseldorfer Börse, in der ich tatsächlich mal ein- und ausging. Lange her. Es folgt die Niederlassung der Bundesbank, wo ich ebenfalls ein- und ausging, was sich sehr wichtig anhört, es aber nicht war. Hier standen mal bewaffnete Wachmänner. Nun nicht mehr. Das hat mit der abnehmenden Bedeutung der Bundesbank zu tun. Oder das Gold ist schon woanders.

Hier überquere ich die Straße an einem Brunnen, in dem ich mich, als ich das letzte Mal diese Strecke lief, abgekühlt habe. Das Wasser ist sehr dreckig, doch war es vor einigen Wochen noch dermaßen heiß, dass das keine Rolle spielte. Heute aber ist es eher kühl und es kommt mir surreal vor, dass ich vor Kurzem hier noch „gebadet“ habe. In einigen Wochen wird das Wasser vermutlich abgestellt, damit die Leitungen nicht bersten.

Auf Strecken, die man regelmäßig läuft, kennt man die Ampelschaltungen auswendig. Diese Ampel zur Blumenstraße an der Johanneskirche ist grundsätzlich rot, wenn ich komme, was mich natürlich freut, da ich zwangspausieren darf. Ich gehöre nicht zu den Läufern, die an Ampeln auf der Stelle weiterlaufen. Das halte ich für übertrieben, was jedoch nur meine Meinung ist. Der Platz zwischen Johanneskirche und „Schadow-Arkaden„, die viele fälschlicherweise „Schäddo-Arkaden“ aussprechen, weil Düsseldorf glaubt, international von Rang zu sein, was es nicht einmal national regional lokal ist (Haha! Nimm dieses!) war lange Zeit wegen Abriss‘ des „Tausendfüßlers“, einer Hochstraße, die sehr, sehr hässlich war (dennoch haben einige Unbeirrbare für ihren Erhalt gekämpft, was mit Unverständnis und Tod quittiert wurde), eine Baustelle. Weil nun aber auch eine Tiefgarage fertig geworden ist, zieht sich die Baustelle nach und nach zurück. Dieser Teil Düsseldorfs ist tatsächlich schön geworden. Und das setzt sich fort bis zum neuen Kö-Bogen, den ich über die Königsallee erreiche. Die „Kö“, ich sage es immer wieder, ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Es ist mitnichten die Prachtmeile, die sie vielleicht mal war, sondern ziemlich runtergekommen. Da ist die Westseite, wo noch einige Bankhäuser residieren als Überbleibsel der Zeit, als Düsseldorf für Banken noch relevant war. Über die G’schäfterl auf der Ostseite müssen wir nicht sprechen, denn für einen „H&M“ muss ich nicht zur Kö. Doch die Königsallee wird bald aufgehübscht, damit sie mit dem durchaus gelungenen Kö-Bogen mithalten kann, einem Bauprojekt, das eine Baulücke geschlossen und den Status ante wiederhergestellt hat. Schade, dass man die Bauten mit elitären Geschäften bestückt hat, aber das ist eben Düsseldorf. Doch schön anzusehen sind sie und ich laufe weiter in den Hofgarten vorbei am Corneliusplatz. Düsseldorf liegt am Rhein, wurde aber nach der Düssel benannt, an deren nördlichem Teil ich nun entlang laufe. Hier komme ich der Altstadt zumindest nahe und der Hofgarten war einmal ein riesiges zusammenhängendes Parkgelände, das aber zugunsten günstiger Verkehrsanbindungen zerhackstückt worden ist. Nicht bis zum Kunstpalast laufe ich, sondern biege vorher ab auf eine der Rheinbrücken – auf die Oberkasseler Brücke, die älteste der Düsseldorfer Rheinbrücken, die zurecht nicht ganz unbekannt sind. 1976 (in der bestehenden Form) erbaut, jüngst aufgefrischt, überquere ich mit ihrer Hilfe den Rhein. Wobei die Auffrischung nicht mir, sondern der Brücke zuteil wurde. Bis zur Tonhalle, einem gutgebauten Konzertsaal, geht es bergauf. Ich hasse diesen Streckenabschnitt. Früher stand die Tonhalle an der Tonhallenstraße, wo heute „Karstadt“ steht. Ich weiß das, weil ich mich einmal fragte, warum eine Straße, so weit weg von der Tonhalle, Tonhallenstraße heißt. Und so stieg ich ein in die Düsseldorfer Stadtgeschichte, die nicht uninteressant ist.

Die Oberkasseler Brücke hinter mir gelassen finde ich mich in Oberkassel wieder. Für mich wie für viele Düsseldorfer ist die andere Rheinseite nicht Düsseldorf. Das kann den Oberkasslern egal sein, denn sie sind im Schnitt wohlhabender als der runtergekommene rechtsrheinische Teil der Stadt. Allerdings grenzen sie an Neuss – und das ist ein hoher Preis für die exklusive linksrheinische geographische Lage. (Heerdt, es ist Heerdt, das an Neuss grenzt. Ich bin hier großzügig, was die Grenzen angeht.)

Weil Geld stinkt, bleibe ich für nur etwa einen Kilometer in Oberkassel und bewege mich eng am Rhein entlang zur Rheinkniebrücke. Sie steht dort seit 1969 und wird zur Zeit leicht saniert. Diese Sanierung hat leider Auswirkung auf meinen Streckenverlauf, da ich nun die Südseite der Brücke nutzen muss, während meine Referenzstrecke die derzeit gesperrte Nordseite nutzt. Die Südseite erreiche ich aber nur durch einen komplizierten Umweg, der verdeutlicht, wie verschlungen solch große Brücken konstruiert sind. Es folgen nun etwa 100 Meter, die ich auf schwerst verkehrswidrige Weise hinter mich bringe, da ich nicht den „legalen“ Weg nehmen möchte. Ausführen werde ich das hier auf keinen Fall. Springen wir also zehn Minuten nach vorn in diesem Sonntag.

Ich befinde mich nun auf der Südseite der Brücke und blicke laufend auf den Landtag. Auch da ging ich dereinst ein und aus und bin froh, dass das hinter mir liegt. Ich stelle fest, dass sehr viele Jogger unterwegs sind. Gewohnt arrogant belächle ich die Sonntagsjogger. Denke dann an meine Lektorin KM und spare mir weitere Arroganz …

Schmerzen in der Brust müssen nicht immer gleich ein Herzinfarkt sein, las ich kürzlich noch, und so setze ich den Lauf fort. Ab Fuße der Brücke folgt ein landschaftlich nicht ganz so schöner Teil meiner Laufstrecke, doch komme ich dem Ende näher. Noch etwa 20 Minuten liegen vor mir. Vorbei an der NRW-Bank und dem Ständehaus, das einmal, wenn ich mich nicht täusche, die Staatskanzlei war, die nun albernerweise als Untermieter im „Stadttor“ residiert. Zehnte Etage West. Warum ich das weiß? Weil ich auch dort oft war. Vielleicht war es auch elfte Etage West. Lange her.

Herzogstraße. Sie führt mich zurück auf die Hüttenstraße. Vorbei an der „WestLB“, die nun „Portigon“ heißt. Ich glaube, mit ihr möchte man nichts zu tun haben. Ist es nicht nur noch eine reine „Bad Bank“? Spielt keine Rolle für mich, denn ich kreuze die Corneliusstraße und finde mich wieder bei der Feuerwache. Von hier sind es noch drei Minuten bis zu meiner Haustür, sodass ich jetzt schon weiß, ob ich eine gute Zeit gelaufen bin oder nicht. Ich bin eine annehmbare Zeit gelaufen, was für einen Sonntag mehr als annehmbar ist. Mich erwarten eine heiße Dusche und eine ebenso heiße Mitbewohnerin. Ich liebe diese Sonntage.


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