Laufmythen

Es gibt zahlreiche Tipps für ein erfolgreiches Laufen und meine persönliche Lauferfahrung zeigt, dass viele blanker Unsinn sind, Trends folgen oder ihre Verbreitung lediglich im Interesse der Industrie erfolgt. Meist ungeprüft werden sie von verschiedensten Medien abgeschrieben und dabei gerne vorausgesetzt, dass alle Tipps für jeden Läufer gleichermaßen Geltung haben. Für Laufanfänger kann das Befolgen mancher Tipps unangenehme Auswirkungen haben. Die Laufeinheit greift ab heute in der losen Serie „Die Laufmythen“ gängige Tipps auf und prüft sie knallhart auf ihren Wahrheitsgehalt – immer unter der Prämisse, dass ein jeder Läufer für sich selbst entscheiden kann und sollte, was gut für ihn ist und was nicht.

Das erste Laufbuch, das ich mir vor etwa 15 Jahren gekauft hatte, war das von Dieter Baumann, dem Profiläufer, der Probleme mit seiner Zahnpasta hatte. „Laufen Sie mit“ heißt das Werk, das in einer unerträglich simplen Sprache geschrieben ist, wie es leider vielen „Lifesytle“-Machwerken eigen ist. Doch steht nicht die Hoffnung auf den Literaturnobelpreis im Vordergrund, sondern der Inhalt. Und es freut mich, dass Baumann und ich uns in einem einig sind, wenn er rät: jeder, wie er am besten kann.

Das gilt auch für die ewige Frage der korrekten Atmung beim Laufen.

Atme durch die Nase ein und durch den Mund aus!

Dieses biete viele Vorteile. So werde die einströmende Luft durch die feinen Nasenhärchen gereinigt. Abgesehen davon, dass ich keine feinen Nasenhaare habe, sondern eher Borsten, rasiere ich diese mittels Nasentrimmer regelmäßig weg. Doch auch ohne Härchen würde die Luft erwärmt und befeuchtet. Das ist korrekt. Das wird sie aber auch bei der Mundatmung und bei einem schwülen Sommerlauf ist mir die Luft schon feucht genug. In der Tat empfiehlt sich bei Minustemperaturen jedoch unter diesem Gesichtspunkt die Nasenatmung. Wer schon einmal bei minus zehn Grad unterwegs war, wird wissen, dass man ganz automatisch durch die Nase einatmet. Darüber hinaus gilt jedoch die Mundatmung, zu der der Mensch unter Anstrengung nicht ohne Grund neigt, als völlig ungefährlich, wenn man nicht gerade eine Hornisse einatmet. In dem Fall ist nahender Tod die Folge. Meine persönliche Horrorvorstellung.

Man muss also abwägen: Tod durch stechendes Tier oder bessere Luftzufuhr. Denn durch den Mund bekommen wir schlicht mehr an Luft in unsere Lungen und über wenig mehr ist unser Körper während eines Laufes erfreuter, wollen die Muskeln doch mit ausreichend Sauerstoff versorgt werden.

Gerne wird auch propagiert, dass man einem bestimmten Atemrhythmus Folge zu leisten habe. Auch das ist Unsinn, denn dieser ergibt sich je nach Tempo ganz von selbst und wer ins Röcheln gerät, läuft ohnehin zu schnell. Es killt die Freude am Laufen, sich an kleingeistige Regeln zu halten, die man auch mir schon im Schulsport eintrichtern wollte – man verzettelt sich nur, wenn man auf solche Dinge achtet und ruiniert seinen Laufrhythmus. Was anderes ist es beim Kraulen, also beim Schwimmen. Dort sollte man unbedingt darauf achten, nicht unter Wasser einzuatmen. Die menschliche Lunge tut sich nach wie vor schwer, das H vom O zu trennen. Ertrinken mit Tod ist auch hier die Folge.

Laufe auf weichem Untergrund!

Wer ausschließlich auf Waldboden läuft, wird schnell merken, es ist nicht die Mutter aller Problemlösungen. Grundsätzlich gilt, dass das Laufen auf Asphalt kein Problem darstellt. Schuhe sind inzwischen ausreichend gedämpft, manch Modell ist sogar übergedämpft. Für unsere Gelenke, die generell vom Laufsport profitieren!, ist steter weicher Untergrund sogar schädlich. Hier gilt es, in der Wahl des Untergrunds zu variieren. Ich selbst laufe gerne neben befestigten Wegen am begrasten Rande, suche bewusst unsteten Untergrund, um später wieder auf Asphalt zu wechseln. Denn einen Vorteil bietet unsicherer Untergrund auf jeden Fall: Er trainiert die Fußmuskulatur wie auch die Fähigkeit, beim Laufen das Gleichgewicht zu halten – kurz: die Koordinationsfähigkeit zwischen Fuß und Hirn. Menschen ohne Füße sollten nicht laufen, Menschen ohne Hirn laufen sehr langsam, wie wir aus „Walking Dead“ wissen. Ich bin in Staffel sechs, zweiter Durchgang, da ich im ersten leider die Episoden in falscher Reihenfolge gesehen hatte. Ich wunderte mich schon, warum ich der Handlung nicht folgen konnte. Fürchtete bereits, sehr, sehr doof zu sein.

Weicher Untergrund stärkt die Körperstabilisation – diverse Übungen des populären Lauf-ABCs beziehen sich speziell auf diese -, birgt aber auch leider die nicht zu unterschätzende Gefahr umzuknicken. Als Vorfußläufer knicke ich etwa einmal pro Woche um, mache dabei eine alberne Figur, die nur bei Models auf einem Laufsteg noch lustiger aussieht, kann mich aber jedes Mal – bislang! – noch fangen. Fersenläufer hingegen können im Grunde gar nicht umknicken, ruinieren sich aber im Laufe der Jahre die Knie. Und zwar die eigenen. Sonst wär’s ja egal.

Laufen schadet den Gelenken!

Mein Aufreger-Mythos, denn das höre ich immer von Nichtläufern. „Du machst dir ja nur die Knie kaputt!“, rufen sie mir zu, während sie chipsfressend am Wegesrand stehen. Inzwischen weiß man, dass sogar das Gegenteil der Fall ist, wenn man denn richtig läuft, was die meisten leider nicht tun. Ich selbst lief bis ins Jahr 2013 hinein falsch und bekam die Quittung qua linken Knies. Nach Umstellung auf den Vorfußlauf sind diese Problem seit nunmehr drei Jahren gegenstandslos. Durch Bewegung werden die Gelenke besser mit Gelenkflüssigkeit versorgt und in dieser befinden sich die nötigen Nährstoffe. Der Körper trainiert nicht nur Muskeln, sondern auch die Gelenke: Alles, was mehr belastet wird, wird gekräftigt – das gilt auch für die Gelenke.  Es gibt natürlich Menschen, die ihre Gelenke schonen, indem sie sie besser gar nicht benutzen. Sie werden nicht sehr alt.

Dennoch gilt für einen Laufanfänger natürlich, dass er seine Gelenke nicht unnötig überrascht und überfordert. Ein langsamer Einstieg empfiehlt sich zweifellos, Regenerationsphasen sowieso.

Läufer schwitzen weniger!

Das hatte ich auch gehofft. Auch hier ist wieder das Gegenteil richtig. Denn was der Körper mehr benutzt, das nutzt er effizienter und dazu gehören eben auch die Schweißdrüsen. Bei einem Sportler arbeiten diese effektiver, was sich irgendwie nicht schön anhört. Aber man kann es sich eben nicht aussuchen. Ich lief heute Mittag bei windigen 16 Grad durch Düsseldorf und schawitzte, als seien es 17 Grad. Die Schweißdrüsen eines Sportler arbeiten schneller – und früher. Ergibt ja auch Sinn, denn der Körper will sich abkühlen. Dass ich das selbst bei 16 Grad unnötig finde, interessiert unseren Organismus wenig.

Welche Laufmythen kennt Ihr? Welche findet Ihr, sind gar keine Mythen, sondern für Euch durchaus zutreffend? Schreibt mir Eure Erfahrungen in die Kommentare und lauft Euer Leben!


Krass, bei Facebook kann man jetzt sogar posten.

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. trienchen2607 sagt:

    Ich bin Laufanfänger und -gescheiterte. Die Wahrheit ist, ich habe keine Ausdauer. Habe ich auch noch nie besessen. Mein Körper bedankt sich mit Bluthochdruck und was ist da wichtig? Bewegung, am besten Ausdauer. Haha. Ich habe bereits zwei Mal angefangen und halte es nie durch eine Regelmäßigkeit reinzubringen. Dass ich ein ungeduldiger Mensch bin und langsam grundsätzlich nicht mein Thema ist, macht es nicht gerade leichter. Aber dann bekommt man auch überall noch solche Supertipps! Wie man zu laufen hat, wann, wo, was man anhaben darf oder nicht, trinken oder nicht usw. usf. Ich habe so sehr auf meine Füße geachtet, dass ich Rückenschmerzen hatte, weil ich gebückt gelaufen bin! Ich bin in Intervallen gelaufen und irgendwann hat es mich genervt, weil die Fortschritte so langsam sind. Dann sagt irgendjemand, lauf doch einfach bis du nicht mehr kannst. Da hat sich mein Herz aber gezeigt, was es davon hält. Ich dachte, es platzt gleich einfach. Es ist so schwer darauf zu hören, was der Körper einem vorgibt, wenn man überall nur hört, wie es zu funktionieren hat.

    Gerade bin ich mir gar nicht sicher, ob das so zu deinem Beitrag passt, aber ich wollte es mal loswerden.

    Übrigens hoffe ich, dass Versuch Nr. 3 bald startet und dann besser läuft – oder joggt.

    Liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

    1. Seppo sagt:

      es passt, zeigt es doch, dass viele tipps kontraproduktiv sind. ich wünsche viel erfolg beim nächsten anlauf, berichte davon!

      Gefällt mir

  2. ChaosLu sagt:

    Oh Gott, an das Buch von Baumann kann ich mich noch gut erinnern. Es war ganz schlimm. Ich habe mich gefragt, was wirklich in der Zahnpasta war, wenn man anschließend solche Bücher verfasst. Übelst auch die Strunz-Bücher, von denen einen der grinsende Greis entgegenstrahlte. Gruselig!!!!

    Gefällt 1 Person

  3. chiarabr sagt:

    cooler Beitrag! Ziemlich lustiger Schreibstil!

    Gefällt 1 Person

  4. Luci Feria sagt:

    Ich – Laufen??? – NEVER!!!
    Sprints – okay
    Kraftsport – prima
    Schwimmen – Wasser,emin Element

    aber Laufen????

    Ich habe immer ganz laut NEIN geschrien. Seitenstiche, Herzkasper, Sauerstoffzelt……um nur einige zu nennen.
    Hab die „Läufer“ nie verstanden. Was soll daran so toll sein.
    3 Schritte – 1 Atemzug, höchstens vier, so und so mit dem Fuß aufsetzen, mach dies, lass jenes, etc. immer diese Richtlinien und Zwänge.
    Es hat nie gepasst.

    Und dann, der Knoten ist geplatzt. Drauf geschissen (hoffe ich darf das so unverblümt und ungeschönt schreiben) was andere sagen, ich laufe wie es mir passt.
    Ingo Appelt hätte gesagt – I have the pussy- I make the rules!!!

    Oder um es etwas charmanter auszudrücken ein Auzug von einem Interview mit Emil Zatopek:

    *Man nehme: Eine große Portion „Ich höre nur auf mich selbst“. Einen großen Löffel „Lass die anderen reden, ich laufe einfach“. Ein Kilo „Lass die anderen lachen, ich lache sie aus, wenn ich im Ziel bin“. Dazu: Ein Pfund Spaß. Ein Pfund Leidenschaft. Und eine große Portion Gelassenheit. Alles kräftig durchmischen. Fertig. Vielleicht noch einen süßen Guss „Einfachheit“ über alles. So einfach wie Zatopek, der es perfekt auf den Punkt gebracht hat: „Hier ist der Start, dort ist das Ziel. Dazwischen musst Du laufen.“ So läuft es.*

    Gefällt mir

Deine Meinung hierzu!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s