B wie Barfußlaufen

„B wie Bulimie-Laufen“ sollte dieser Artikel zunächst heißen, doch das Phänomen des Bulimie-Laufens ist noch nicht ausreichend erforscht. Betroffene laufen extrem lange, bleiben danach betont intensiv stehen, um das Laufen zu kompensieren. Viele Experten gehen davon aus, dass das absoluter Unsinn ist.

Weil ich das an dieser Stelle nicht werde klären können, versuche ich es mit „B wie Beine“. Beine sind einigermaßen wichtig, wenn es darum geht, sich laufend fortzubewegen, doch wissen wir inzwischen, dass Prothesen manchem Bein überlegen sind. Bewegen wir uns aber zu „B wie Beinbruch“, ist klar, dass ein gebrochenes Bein ein erhebliches Hindernis für Läufer bedeutet. Für mich eine der wenigen Verletzungen, die es rechtfertigen, mal einen Tag auszusetzen.

„B wie Barfußlaufen“ soll das Thema sein, das mir endlich wieder eingefallen ist. Das Laufen ohne Schuhwerk wird empfohlen und der Grund dafür ist sehr simpel und einleuchtend, wenn man ihn erst einmal kennt, was für alle Begründungen gilt.

Seit der Mensch besohlte Schuhe trägt, läuft er widernatürlich. Probiert es aus: Lauft ein paar Schritte mit, dann ohne Schuhe und Ihr werdet einen Unterschied in Eurer Lauftechnik feststellen. Die meist dicke Sohle des Schuhs bewirkt, dass Ihr mit der Ferse, auch bekannt als Hacke, auf dem Boden aufkommt. Sobald Ihr barfuß lauft, neigt Ihr eher dazu, mit dem Vorfuß aufzutreten, zumindest fällt es leichter als mit Schuhen.

Einen ähnlichen Effekt könnt Ihr beobachten, wenn Ihr zum Sprint ansetzt. Seid Ihr grundsätzlich Fersenläufer, werdet Ihr beim Sprint automatisch zum Vorfußläufer. Auch das hat einen einfachen Grund: Ihr seid schneller, sobald Ihr mit dem Vorfuß auf dem Untergrund aufkommt und Euch mit diesem auch wieder abstoßt, da der Fersenläufer sich permanent selbst abbremst, was dem Sprinten abträglich ist. Kommt der Fuß lediglich vorn auf und spart sich das leidige Abrollen, spart er gleichzeitig Zeit. Auf diese Weise übrigens lauft Ihr automatisch mit dem Torso leicht nach vorn herübergebeugt, was ebenfalls die Beschleunigung begünstigt. Übertreibt man das, gerät man ins Stolpern und mault sich ordentlich. Alles schon erlebt … Sieht sehr lustig aus, aber der Bürgersteig tut im Gesicht weh.

Der Mensch lief von Natur aus immer eher auf dem Vorfuß, was die Schuhindustrie aber gerne ignoriert und versucht, den Fersenlauf so gemütlich wie möglich zu gestalten, was sich in den Gummipuffern im Fersenbereich der Sohlen widerspiegelt. Es ist de facto falsch, wenn propagiert wird, man müsse den Fuß gut abrollen können. Man muss ihn gar nicht abrollen. Die Ferse hat den Boden nicht zu berühren. Mir ist klar, dass ich hier ein Dogma bediene und oftmals in „Fachliteratur“ zu lesen ist, es sei egal, wie man auf dem Boden aufkommt. Sprinter werden das anders sehen, da sie wissen, dass der Fersenläufer keine Medaillenchancen hat. Außerdem ruiniert er sich die Knie. Dazu an anderer Stelle später mal mehr.

In den vergangenen Jahren hat sich diese Erkenntnis durchgesetzt, die Schuhindustrie entsprechend reagiert und „Barfußschuhe“ auf den Markt geworfen. Denn das Laufen ohne Schuhwerk hat einen erheblichen Nachteil, der einem dann deutlich wird, wenn man mal in eine Scherbe getreten ist. Die Sohle bietet schlicht Schutz vor solchen Unwägbarkeiten, wenn man nicht auf eine Tartanbahn ausweicht, auf der man den Barfußlauf sehr gut und meist scherbenfrei üben kann. Aber wer läuft schon gerne immer im Kreis?! Daher kann man für gutes Geld minimalistische Schuhe kaufen, die leider sehr, sehr albern aussehen:

fivefingers_shoes_with_boxBildquelle: https://www.flickr.com/photos/busbeytheelder

Doch der Läufer ist es ja gewohnt, dass seine Schuhe immer etwas kurios aussehen, da Laufschuhhersteller meinen, sie müssten die Schuhe stets möglichst bunt und auffällig gestalten. Doch angesichts obigen Modells muss der Läufer schon sehr stark sein. Diese Schuhe gewährleisten einen Schutz des Fußes, halten sich aber aus der Lauftechnik heraus. Ein Fußbett haben sie nicht, während die Sohle dünn und flexibel ist. Dass sie Raum für die Zehen lassen, lässt sie albern erscheinen, jedoch sind die Zehen für das korrekte Laufen unabdinglich. Probiert es aus: Hackt sie Euch ab und Ihr werdet umgehend umfallen. Übrigens ist der menschliche Zeh wegen seiner Schuhe degeneriert. Besonders der kleine ist ja nur noch ein Schatten seiner selbst.

Nun trug auch ich mich mit dem Gedanken – obwohl ich Vorfußläufer bin -, mir ein solches Modell anzueignen. Ich erkundigte mich bei dem Laufexperten meines Vertrauens, Herrn Einspenner aus Düsseldorf, einem erfahrenen Marathonläufer. Der Mann verkauft auch Schuhe. Und riet mir ab vom Barfußschuh. Denn Studien ergaben, dass die positive Wirkung dieser Sandaletten überinterpretiert worden sind. Mitunter schaden diese Schuhe sogar! Denn wenn der Mensch seine ersten 20 Lebensjahre es gewohnt ist, in herkömmlichen Schuhen zu gehen und zu laufen, degeneriert seine Fußmuskulatur. Ein plötzlicher Umstieg auf den Barfuß-Stil würde seine Füße überfordern, da sie keine Chance haben, die notwendige Muskulatur überhaupt erst zu entwickeln. Der Fuß würde umgehend überfordert und in sich zusammenbrechen, man bräuchte einen neuen Fuß. Beziehungsweise zwei neue Füße. Lediglich als Ergänzung seien diese Schuhe einigermaßen sinnvoll. Er wollte mir schlicht keine verkaufen und der Vorfußlauf ist ja auch mit den herkömmlichen Schuhen möglich.

Physiker und Biomechaniker Prof. Ewald Henning von der Universität Duisburg-Essen bekräftigt meinen Fachmann in Sachen Barfußschuh:

„Im Grunde war das kein schlechtes Konzept, es ist nur schlecht vermarktet worden. Jeder Anfänger dachte, er muss das haben und bekam dann Probleme etwa mit der Achillessehne oder mit den Knien. Mit der Einführung dieser Minimalschuhe nahm die Zahl der Verletzungen zu. Für geübte Läufer mit einer gut ausgebildeten Muskulatur sind diese Laufschuhe allerdings durchaus geeignet.“

Sind Barfußuschuh- oder Barfußläufer unter Euch? Welche sind Eure Erfahrungen? Teilt sie gerne in den Kommentaren mit!


Quellen: www.svz.de/ratgeber/fitness-und-wellness/barfussschuhe-nicht-fuer-anfaenger-id13045521.html


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12 Kommentare Gib deinen ab

  1. wir sind noch nicht bei M, also wart ich noch, ob mittelfußlaufen nicht doch ein super kompromiss ist. ich finde, reintechnisch kann man vom sprint nicht aufs langlaufen schließen und umgekehrt. was ich jetzt endlich begreife ist, warum manche leute abrupt stehenbleiben oder überhaupt tatenlos herumstehen. laufbulimikerInnen! danke für diese erleuchtung! weiter so

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    1. Seppo sagt:

      ist es auf jeden fall! … ich schließe vom sprint auf langlauf insofern, als dass ich nur deutlich machen wollte, dass man zum vorfuß-/mittelfußlauf neigt.

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      1. es ist wirklich lustig, wenn man die historie der empfehlungen während der letzten 30 jahre beobachtet. vom „über die ferse abrollen“ über das „strunzen“ zum barfußlauf, und der ist auch schon überholt. es ist wie beim essen: ich glaube all diese „gesetze“ ersetzen die religion. ich glaub an TCM-küche und den mittelfußlauf. 🙂

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  2. Hallo Seppo! Wenn du bei G bist, könntest du dann eventuell etwas über Laufen und Gefühle machen, wenn du denn damit Erfahrung hast. Bei mir war es nämlich so, dass ich beim Laufen oft weinen musste und jetzt meine ich aber nicht aus Anstrengung 😄 Vielleicht löst das Laufen Emotionen… Ich würde mich sehr freuen! Tolle Seite übrigens! Motiviert mich wieder mit dem Laufen anzufangen (zur Zeit mache ich „nur“ Yoga) Alles Liebe

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    1. Seppo sagt:

      erinnere mich bei F nochmal daran! danke fürs lesen 🙂

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  3. Diese Zehenschuhe sind „schrecklich“ – bin nur einmal damit gelaufen – weil ich beim zweiten mal noch immer zu lange gebraucht habe um meine Zehen da rein zu bekommen. Das allein war schon Sport 🙂

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  4. sirovio sagt:

    Barfußlaufen im Alltag ist toll! Ich finde, es sieht eleganter aus, als alles, was man mit dem üblichen Schuhwerk (z.B. Highheals) erreichen kann! (Leider beuge ich mich gesellschaftlichen Zwängen und laufe daher viel zu wenig ohne Botten.)

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  5. relaxedlive sagt:

    Hallo Seppo – ich tendiere eher zum Rad fahren als zum laufen – deine Artikel finde ich aber trotzdem sehr informativ, interessant und pointiert.
    Übrigens – Ich habe vor 10 Tagen zusätzlich mit Freeletics – einem Intensiv workout – begonnen … es ist hart but no excuses !!

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  6. Patrick sagt:

    Ich laufe seit 5 Jahren in Fivefingers. Bin sehr zufrieden damit. Hab leider ab und zu mal wieder Probleme mit den Achillessehnen. Aber das liegt dann eher an meinem Laufpensum. Bin auch schon Marathon damit gelaufen. Kann mir nichts besseres mehr vorstellen. Wie criticalpixie schrieb, war es anfangs tatsächlich etwas gewöhnungsbedürftig in die Teile zu schlüpfen. Aber nach kurzer Zeit gings schon recht flott. Es gibt sonst auch andere Firmen wie Vivobarefood. Die Zehen müssen ja nicht einzeln verpackt sein. Ich bleib aber dabei. 😉

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