Der innere Schweinehund

Warum zur Hölle sollte man laufen? Es gibt wohl keinen Sport, der langweiliger ist als das Laufen. Als passionierter Läufer muss ich dem widersprechen. Ich muss. Aber wie ehrlich kann ich dabei bleiben?!

Ich laufe fünf Mal pro Woche. Und das konsequent im 15. Jahr. Wegen einer Knöchelgeschichte musste ich Ende 2004 einmal für drei Monate aussetzen und lief das erste Mal wieder, als die Kirchenglocken läuteten, um zu verkünden, dass wir einen neuen Papst haben. Dieser Lauf mit seiner ungewöhnlichen Stimmung bleibt mir unvergessen, da eine dreimonatige Zwangspause wohl das Übelste ist, was einem Läufer passieren kann (sieht man von Dingen wie finanziellem Ruin und Tod einmal ab).

Von fünf Läufen die Woche starte ich vielleicht dreimal motiviert, zweimal jedoch extrem widerwillig in den Lauf. Ich will weder mir noch anderen etwas vormachen: Laufen kann sehr langweilig sein. Doch es liegt auch immer an einem selbst, wie man einen Lauf gestaltet. Denn schnell gerät man in eine monotone Laufroutine, gerade Anfängern passiert das gerne – wie auch mir.

Meine Laufkarriere nahm ihren Anfang in Münster am „Steinersee“, einem Baggersee mit einem Umfang von 1,8 Kilometern. Für einen Laufanfänger, der mit 22 Jahren schon völlig degeneriert war, eine optimale Streckenlänge. Lief ich zunächst nur einmal drumherum, steigerte ich mich auf bis neun Runden. Deutlicher kann man Monotonie nicht frönen, als stetig im Kreis zu laufen. Routine kommt von „routieren“. Muss nicht stimmen, passte gerade so gut. Germanisten werden sich dieser Frage womöglich annehmen …

Irgendwann, nach langen und phlegmatischen Wochen, kam ich auf die Idee, jeden Tag eine andere Strecke zu laufen. Überhaupt lernte ich meine Heimatstadt Münster in ihrer vollen Pracht überhaupt erst durch das Laufen kennen. „Entdeckungsläufe“ nenne ich bis heute die bis zu 30 Kilometer langen Läufe, bei denen man gar kein bestimmtes Ziel hat; ich laufe einfach drauf los. Unzählige Male habe ich mich verirrt, insbesondere als ich ab 2008 in Düsseldorf lief. Das Entdecken von vorher nicht gesehenen Gegenden kann einen Lauf unerwartet interessant gestalten. Wenn sich dann noch das „Runner’s High“ dazu gesellt (das ja sehr umstritten ist), will man gar nicht mehr aufhören zu laufen. Und es fasziniert der Moment, in dem man feststellt, dass man keine Ahnung hat, wo man sich gerade befindet. Man erlebt verschiedenste Gegenden, kommt aus der Stadt plötzlich in „wildeste“ Natur, um sich dann auf einer Autobahnauffahrt wieder zu finden. Es sind diese Momente, in denen man feststellt, wie weit wir allein kraft unserer Füße uns fortbewegen können. Der Ur-Mensch hat nichts anderes getan.

Heute Morgen war das anders. Es war grau, es wurde gar nicht richtig hell, es war windig und regnete leicht. Sich einen Lauf unter diesen herbstlichen Bedingungen schmackhaft zu machen, ist wahrlich nicht einfach, zumal ich schon schwer aus dem Bett herausgekommen war. Wie verhindere ich also, mich gegen einen Lauf zu entscheiden? Ich habe zwei Strategien.

Die Entscheidung treffen

Als ich das Laufen begann, traf ich eine Entscheidung, die ich mit der Entscheidung eines Rauchers vergleiche, der sich für das Nichtrauchen entscheidet: Jeder muss für sich den Willen aufbringen und die Entscheidung treffen. Steht er nicht hinter der Entscheidung und ist sein Wille gar nicht ausgeprägt, wird er nicht durchhalten. Die Entscheidung muss bindend sein, Selbstbetrug keine Option.

Und ich wollte laufen. Und ich traf die Entscheidung, das fünfmal pro Woche zu tun. Diese Entscheidung muss von Beginn an in Zement gemeißelt sein. Gebe ich auch nur einmal meinem inneren Schweinehund nach und ziehe mir nicht die Laufschuhe an, schaffe ich einen Präzedenzfall, auf den ich mich immer wieder berufen könnte. Einmal inkonsequent – immer inkonsequent. Missmut darf kein Grund sein, nicht zu laufen. Ich würde damit umgehend meine eigene Entscheidung in Frage stellen, womit sie nichtig wäre. Und so wird man feststellen, dass es von Verletzungen abgesehen keinen Grund gibt nicht zu laufen.

Im Laufe der Jahre hat sich auf die Weise ergeben, dass ich pro Jahr 205 Läufe absolviere. Bei 365 Tagen, die ein Jahr in der Regel so hat, sind darin Grippeerkrankungen und andere eingeplant sowie eine sechswöchige Laufpause, die ich mir jedes Jahr (nicht am Stück) gönne. Doch vom 1. Januar eines Jahres an ist für mich klar, dass ich am Ende 205 Mal gelaufen sein muss. Jeder nicht gelaufene Lauf gefährdet dieses Ziel, das als unumstößlich zu gelten hat. Es ist natürlich ein willkürliches Ziel, jeder kann sich seine eigenen setzen.

2015 habe ich dieses Ziel wegen eines ungeplanten Leistenbruches mit Zwangspause nicht erreicht. In meine persönliche Laufgeschichte geht 2015 als schwarzes Jahr meiner Laufgeschichte ein.

Das klingt natürlich in der Theorie nett. Ich entscheide einfach, das so zu tun und schon ist der innere Schweinehund chancenlos. Ganz so einfach ist es nicht, aber diese Disziplin gehört unbedingt dazu. Sie überträgt sich – netter Nebeneffekt – auch auf andere Bereiche des Lebens. Schon am Neujahrstag an das Jahresziel zu denken bedeutet die Fähigkeit, vom ersten Moment an für ein Ziel zu kämpfen, liegt es auch in noch so ferner Zukunft.

Gute Gründe fürs Laufen

Jedes Fachbuch, das sich mit dem Laufen auseinandersetzt, beginnt mit einem Kapitel, in dem die positiven Auswirkungen des Laufens beschrieben werden. Ich habe zahlreiche solcher Bücher und jenes Kapitel ist immer mein Lieblingskapitel. Schon während der Lektüre bekomme ich Lust auf das Laufen. Es kann somit helfen, sich diese Gründe für das Laufen immer wieder in Erinnerung zu rufen. Und ich tue das nun:

Laufen ist Freiheit

Klingt pathetisch, stimmt aber. Mir fiele kein Sport ein, der einfacher zu betreiben ist. Die Ausrüstung ist überschaubar, für geringes Geld kann ich jederzeit von Zuhause aus loslaufen. Der Bruttozeitaufwand gleicht dem Nettoaufwand.

Kein Absitzen der Zeit

Wir sitzen in aller Regel zu viel. Inzwischen habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich einen Tag – sagen wir nach einer Party am Vorabend – zwecks Rekonvaleszenz nur auf der Couch verbringe. Doch unser Lebensstandard führt zu häufigem Sitzen, wenn wir nicht gerade unser Geld als Post- oder DHL-Bote verdienen. Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes mellitus die Folgen, die unsere Lebensqualität mindern. Wir ruinieren unseren Körper. Jeden Tag rufe ich mir in Erinnerung, dass ich maximal gegen diese Dinge vorgehe. Wer läuft, kann guten Gewissens zum Weine greifen. Oder zu Crack. Wobei, nein, da wäre ich vorsichtig. Nicht einmal Laufen kann den Crackkonsum kompensieren. Finger weg!

Laufen reinigt

Und zwar die Blutgefäße. Die Adern des Läufers verkalken in aller Regel nicht, er mindert sein Risiko, Opfer von Infarkten oder Schlaganfällen zu werden. Mir ist jedoch bewusst, dass mich solche Dingen auch während eines Laufes heimsuchen können, denn es gibt keine Garantie, nicht ihr Opfer zu werden. Aber wir können die Wahrscheinlichkeit senken.

Vor einiger Zeit kam ich in die Verlegenheit, mich durchchecken lassen zu müssen. Der Arzt fragte mich, ob ich Läufer sei. Ich bejahte natürlich und freute mich innerlich bereits auf seine Lobeshymne, die dann auch kam. Man würde es meinem Herzmuskel ansehen, der ausgesprochen gut trainiert sei. Das EKG war zudem eine einzige Ode an den Laufsport.

Gegen das Verschrumpeln

Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, das interessiert mehr die Frauen. Denn Laufen hält jung – auch das Bindegewebe, das länger straff bleibt. Falten haben weniger Chancen bei Läufern!

Amoklauf ausgeschlossen

Wer läuft, läuft nicht Amok, sagte mal jemand, denn der Laufsport ist einer gesunden Psyche absolut zuträglich. Den Punkt übrigens habe ich mehrfach für mich verifizieren können und erzähle meinen genervten Mitmenschen gerne:

„Wie auch immer es dir vor einem Lauf geht, danach geht es dir immer besser.“

Einen Lauf nutzt man automatisch zum Sortieren der Gedanken. Ausgeschüttete Hormone (Glückshormon Serotonin) bewirken, dass man die Dinge nicht nur positiver sieht, sondern auch Probleme weniger pessimistisch einordnet. Nicht ohne Grund wird Menschen, die an Depressionen (die natürlich unterschiedlichste Ursachen und Ausprägungen haben können) leiden, Bewegung verordnet. Bewegung kann für einen klareren Blick sorgen. Ich selbst bestätige den gerne, denn viele Probleme des Alltages und auch Konflikte mit anderen Menschen habe ich laufend lösen können. Der Titel meiner Magisterarbeit beispielsweise fiel mir während eines Laufes ein: „Digital Divide und Wissenskluft – inwieweit verstärkt ein Digital Divide die Wissenskluft und welche Auswirkungen hat dieses für die Informationsgesellschaft?“ Gut, schreiben musste ich das Werk dann immer noch. Es wurde sehr, sehr gut.

„Ein gesunder Geist ruht in einem gesunden Körper“, wusste bereits der römische Satiriker Juvenal vor rund 2.000 Jahren.

Und Jean-Jacques Rousseau schlug in dieselbe Kerbe: „Vor allem wegen der Seele ist es notwendig, den Körper zu üben.“

Und das zeigt sich auch im Alltag abseits des Laufens. Wir bauen Kondition auf, die alltägliche Dinge vereinfacht. Das lässt sich selbst im Sitzen am Puls ablesen. Der Ruhepuls eines Läufers ist niedriger als der einer fetten Zivilisationsqualle, was etwas deftig ausgedrückt ist. Das Herz eines Läufers schlägt im Schnitt 25  Schläge niedriger – am Tag also mehr als 31.000 Mal seltener!

Immunität!

Selbst das Laufen bei derzeitigen Wetterverhältnissen stärkt das Immunsystem enorm: Die Zahl der Erkältungen ist bei regelmäßigen Läufern geringer, zudem heilen sie schneller aus. (In diesem Punkt ist mein subjektives Empfinden allerdings ein ganz anderes. Lange Zeit lief ich mit falscher Laufklamotte (Baumwolle!!!) und holte mir eine Erkältung nach der anderen, schön blöd eben.)

Besserer Schlaf

Definitiv. Man schläft besser. Und der Preis ist nicht etwa, dass man tagsüber müde vom Laufen ist – im Gegenteil: Der Körper ist nach einem Lauf wacher und konzentrierter. Wer schon mal mit einem heftigen Kater gelaufen ist, wird wissen, dass – egal, wie qualvoll der Lauf katerbedingt war – der Kater nach dem Lauf im Grunde Geschichte ist.

Gesündere Gelenke

Ein Mythos, dass Laufen die Gelenke ruiniert. Das Gegenteil ist der Fall. Die Gelenke werden besser mit Gelenkflüssigkeit versorgt, ihre Degeneration wird verlangsamt. Die meisten Menschen gehen zum Orthopäden nicht etwa, weil sie laufen, sondern weil sie sich zu wenig bewegen. Das Laufen stärkt, wenn richtig betrieben, den Bewegungsapparat und schwächt ihn nicht! Das ist eine Ausrede, die ich immer nur von Nichtläufern höre.

Das alles sind Gründe, die ich mir in Erinnerung rufe, wenn ich mal so gar keinen Bock aufs Laufen habe. Nicht einmal Stress ist ein Hinderungsgrund für einen Lauf. Denn den baut man nirgendwo besser ab als beim Laufen. Und wäre ich heute nicht schon gelaufen, ich würde mich umgehend auf den Weg machen!

Wie motiviert Ihr Euch zum Laufen? Schreibt mir Eure Kommentare gerne in die … äh, ja … in die Kommentare!


Auch bei Facebook könnt Ihr mich gerne kontaktieren.

7 Kommentare Gib deinen ab

  1. pureVerena sagt:

    Toll geschrieben!
    Jetzt gerade bist du meine Motivation, das wird gleich genutzt 😉

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  2. Mein Hund ist mein Motivator 😉

    Gefällt 2 Personen

  3. Danischka sagt:

    Sehr schön geschrieben und ich kann mich nur in allen Punkten anschließen. Für mich ist Laufen vor allem Freiheit. Meine Zeit für mich allein – ohne Anforderungen anderer Personen und ohne Störungen. Ich füttere meine Seele mit dem Laufen.

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  4. Den inneren Schweinehund zu überwinden beginnt beim Aufstehen in der Früh, beim Aufstehen vom Frühstückstisch und gipfelt im Verlassen der Wohnung in Laufklamotten. Die Motivation kommt von anderen Menschen. Dankeschön an dieser Stelle.

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  5. Julia sagt:

    Tolle Seite, tolle Stories! Ich könnt noch nen paar tips gebrauchen um meine seite besser zu gestalten! Grüssle…

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  6. Die Natur in all ihrer Bandbreite, zu jeder Tageszeit (früh morgens ist es total genial), zu erleben; zu merken, wie klar der Kopf und die Gedanken sind und Blockaden sich in Wohlgefallen auflösen; das Ziel zu erreichen und die angenehme Schwere nach dem Lauf zu genießen, das treibt an und motiviert. Der gesundheitliche Aspekt sowie dem Alter ein wenig davon zu rennen stehen ebenso auf der Liste der Motivation. Laufen macht Spaß und tut gut!

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