Zu welcher Tageszeit laufen gehen?

Was für ein Kontrast!, habe ich heute Morgen festgestellt, als ich einen qualvollen Intervalllauf über mich ergehen ließ. Keine Stunde vorher lag ich noch im Bett, wo ich mit dem Herbst haderte: Das Aufstehen ist in diesen Wochen vielleicht mehr Qual als ein Intervalllauf.

Auch das macht Laufen aus. Eben noch aus dem Bett geschleppt in einem Tempo, das einem 36- oder 37-Jährigen unwürdig ist, das missmutige Anknurren der Mitbewohnerin, das einen maximal möglichen Morgengruß darstellen sollte, das Schleppen zur Kaffeemaschine und dann die Begegnung mit dem inneren Schweinehund. Mit dem ich alsbald in Verhandlungen trat, als dieser einen ketzerischen Vorschlag machte:

„Zieh doch heute einen Joker, Seppo. Spar dir den Lauf. Du musst so viel machen heute. Dann lauf eben statt heute am Samstag, hm?“

Und er hatte mich schnell so weit zu sagen: „Ja, stimmt. Meine Füße würden sich über einen Ruhetag freuen. Ich kann ja stattdessen besonders viel Kraftsport machen. Und noch ’n bisschen lesen!“

„Siehst du, Seppo. Warum immer quälen. Sei hedonistisch!“

Ich beschloss, das Laufen zu lassen. Und es mir unmöglich zu machen durch Waschen sämtlicher Laufklamotten, sodass ich heute gar nicht mehr würde laufen können!

Während ich die Waschmaschine befüllte, überlegte ich, wie sehr ich es am Samstagmorgen bereuen würde, dass ich heute, am Mittwoch, nicht gelaufen bin. Ich halte mir die Wochenenden gerne lauffrei. Viel unangenehmer war jedoch die Erkenntnis, dass ich gerade dem inneren Schweinehund nachgab. Ich wog ab: Ein früher Intervalllauf wäre in einer Stunde erledigt. Es ging lediglich um diese 60 Minuten. Ich würde früh wieder nach Hause kommen mit dem grandiosen Gefühl, mich selbst abermals besiegt zu haben.

Als ich dann doch durch den Volksgarten laufe und permanent auf nassem Laub ausrutsche, wird mir dieser Kontrast deutlich. Wie erstaunlich schnell man den Körper auf Touren bringen kann! Diese Höchstleistungen am frühen Morgen! Ich kann nicht behaupten, dass ich großen Spaß hatte, aber entscheidend ist das Gefühl, wenn man nach jenen 60 Minuten wieder die Wohnung betritt: Man ist hellwach; jede Müdigkeit aus Knochen und vor allem Geist gewichen. Man staunt, zu was der Körper so unmittelbar nach dem Aufstehen in der Lage ist. Man läuft in den Tag hinein.

Und das im Wortsinne: Es ist mit nichts zu vergleichen, läuft man in der Dunkelheit los und erlebt die Morgendämmerung. Der Autoverkehr nimmt zu, man trifft Schüler unterwegs auf ihrem Weg zur Schule, auf dem sie sich noch eine Tüte reinballern und trifft die zweite Garnitur der Läufer. Alles erinnert mich an die Phase, in der ich täglich bereits um halb sechs Laufen ging, weil es andernfalls mit meinen Arbeitszeiten kollidiert wäre.

Tendenziell bin ich Frühaufsteher. Auch am Wochenende schätze ich es, den Tag früh zu beginnen, um mehr von ihm zu haben. Grundsätzlich soll jeder laufen, wann er es für richtig hält. In meiner Anfangszeit lief ich eher nachmittags bis abends. Alles hat Vor- und Nachteile und die größte Überraschung ist die, dass der Biorhythmus in diesem Zusammenhang in den Bereich der Esoterik gehört. Er ist eingebildet, auch das Ergebnis von Lifestyle-Magazinen, die vom Einfluss der Mondphasen schwadronieren (dessen Nachweis auf unseren Schlaf steht nach wie vor aus).

Die Wissenschaft spricht eher von der Chronobiologie. Gegen einen morgendlichen Lauf spricht das Flüssigkeitsdefizit des Körpers, das also vor dem Lauf ausgeglichen werden sollte. Ich empfehle zwei Liter alkoholfreien Weizenbieres. Kleiner Scherz. Man würde kotzen. Ein halber Liter genügt und auch Wasser tut es. Übrigens das aus dem Wasserhahn, es enthält mehr Mineralien als das Tafelwasser, das für überteuertes Geld verkauft wird und irreführender Weise „Mineralwasser“ heißt. Unumstößliche Tatsache ist, dass Leitungswasser billiger und ungleich gesünder ist. Das mag in der Mongolei anders sein, hierzulande jedoch ist es so. Ich selbst trinke morgens sehr viel Kaffee. Der Nutzen ist sehr umstritten, doch auch hier hat sich inzwischen der Irrglaube verflüchtigt, Kaffee entziehe dem Körper Flüssigkeit. Manche Läufer schwören auf Kaffee als ein leichtes „Dopingmittel“. Letztlich trinke ich ihn aus reinen Genussmotiven.

Des Weiteren ist nach dem Aufstehen die Gelenkflüssigkeit etwas zäher. Man wird länger brauchen, um einen lockeren Laufschritt zu erreichen. Ich selbst kann das nicht bestätigen, denn möglicherweise ist das auch eine Frage des Alters.

Dass der Körper nachmittags als belastbarer gilt, ist wissenschaftlich nicht belegt. Doch die meisten Menschen empfinden dieses so, trauen sich dadurch automatisch eine höhere Belastbarkeit zu und sind daher versucht, schneller zu laufen. Sie bestätigen also ihre eigene Prophezeiung. Dennoch ist dieser psychische Effekt nun einmal da. Und auch ich hatte heute Morgen nicht den Eindruck, mich auf dem Höhepunkt meiner Belastbarkeit zu befinden. Doch nochmal: Das ist nur ein Eindruck, der Körper sieht das ganz anders, was ich im Laufen dann auch feststellen konnte.

Es sind also individuelle Faktoren, die uns zum Früh- oder Spätläufer machen. Wer morgens gerne als erstes fürstlich frühstückt, wird Probleme bekommen, wenn er unmittelbar danach laufen geht. Wer hingegen eher mittags königlich speist, wird sich danach aufgrund eines Fresskomas wohl eher nicht die Laufschuhe anziehen. Und natürlich spielen auch die Erwerbsarbeitszeiten eine Rolle. Kommt man in den Genuss eines Feierabends um 16 Uhr, ist ein vorabendlicher Lauf wohl kein Problem.

Für mich hat das frühe Laufen jedoch einen unwiderstehlichen Vorteil: Es ist neun Uhr am Morgen und ich muss mich mit dem inneren Schweinehund gar nicht mehr auseinandersetzen, da ich den Lauf bereits hinter mich gebracht habe. Wenn man selbst sich die Regel auferlegt, das Laufen zur ersten Aktivität des Tages zu machen, wird sie unumstößlich und fester Bestandteil des eigenen Alltags.

Dennoch gilt, dass das frühe Laufen auf nüchternen Magen einen Nachteil hat. Morgens ist der Kohlenhydratespeicher leer. Dann zu trainieren bedeutet, dass man kaum Fett verbrennt, da der Körper zur Fettverbrennung eben jene Kohlenhydrate benötigt. Stattdessen verbrennt er Eiweiße! Was ein Jammer ist. Doch auch das ist kein Dogma, denn wer abends ausreichend Kohlenhydrate zu sich nimmt, kann davon noch am Morgen danach zehren. Ansonsten wird ja gerne die Banane vor dem Lauf empfohlen, da die einem beim Laufen nicht wieder hochkommt.

Ich bin grundsätzlich kein Freund von Lauf-Dogmen. Das hat den einfachen Grund, dass sie sich alle widersprechen. Es gibt kaum Goldene Regeln; wer morgens cainen Bock zu laufen hat, der macht es eben abends. Wer nüchtern losrennt, soll es tun, es wird ihn nicht umbringen. Ich lief schon Halbmarathons nüchtern.

Welche sind Eure Erfahrungen? Wann lauft Ihr und welche Tageszeit haltet Ihr für die geeignete? Eure Kommentare sind willkommen!


Umfangarmes Anschauungsmaterial zum Thema Laufen findet Ihr auch auf meiner Facebook-Seite.

11 Kommentare Gib deinen ab

  1. Silke sagt:

    Also ich bin eine absolute Morgenläuferin. Gerne vor der Arbeit um dann frisch in den Tag zu starten! Aber für Intervalltraining gibt es nie eine richtige Tageszeit *räusper*

    Gefällt 3 Personen

    1. Seppo sagt:

      ja, das stimmt. aber so habe ich es nun hinter mir 🙂

      Gefällt mir

  2. B.F. JOHANN sagt:

    07:30 Uhr: Morgenzeitungen besorgt. Schnelles Gehen, also „Laufen“. Dann 4 Stockwerke hoch – ohne Lift. Ja, es gäbe einen Lift, aber ich ignoriere ihn. Mein „Innerer Schweinehund“ liest jetzt und trinkt Kaffee.

    Gefällt 2 Personen

  3. Katta sagt:

    Sehr interessant, vielen Dank!

    Allerliebste Grüße,
    HOLYKATTA || INSTAGRAM

    Gefällt 1 Person

  4. sirovio sagt:

    Ich laufe gar nicht. Kurz vor Fünf klingelt der Wecker, eine Stunde zur täglichen Evolution, dann eine Stunde bis zum Arbeitsort. Abends dann das Spiel rückwärts. Es scheint nicht in meine Woche zu passen. 🙂 Aber ich verfolge die Laufeinheit weiter mit großem Interesse!

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  5. Da die hündischen Damen des Hauses (und mein Gewissen) es eher schätzen einige Stunden allein zu Hause zu verbringen wenn wir vor dem Arbeitstag laufen gehen – Morgenläufer. Allerdings lief auch ich vor ihnen eher Abends. Ich kann Deine Erfahrung bestätigen, Abends laufen vor allem wenn es zeitig dunkel wird, oder der Asphalt/Boden noch aufgeheizt ist, sagt mir deutlich weniger zu als in den kühleren Morgenstunden in den Tag zu laufen. Die Vögel begleiten dich mit ihrem Zwitschern, das Wild ist auf den Beinen und das ganze Aufwachen/Tagesgefühl ist völlig anders. Und von diesen ganzen Dogmen/Regeln wann der Körper was verbrennt halte ich gar nichts, denke der Körper richtet sich das schon so wie er es braucht. In meinem Fall würde ich behaupten, dass mir und meinen Körper Morgenläufe wohler tun als Abendläufe.

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  6. alex sagt:

    Wenn morgens, dann erst einen Espresso, etwas Kleinkram dazu, potetiell süß und dann Laufen. Hinterher ist man frisch, geduscht und der Rest vom Tag kann kommen.
    Mache ich seit zwei Jahre so vorzugsweise im Sommer. Denn sonst ist es mir im Sommer nachmittags schon zu heiß. Da greife ich dann lieber zu meinem ohnhin geliebten Bike. Geht auch so.

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  7. Fresh-Air sagt:

    Ich gönne mir seit einiger Zeit regelmässig zwei bis dreinmal die Woche den Luxus einer anderthalbstündigen Mittagspause und nutze die zum Laufen.
    Ist toll, zwischendurch aus dem Büro rauszukommen und so auch was vom richtigen Tag zu haben. Stichwort „Kopffreimachen“ hast Du ja schon erwähnt.
    Wobei in den Sommermonaten es rein wettertechnisch nicht immer zu empfehlen, weil zu heiss, ist. Da ist der Morgen zu empfehlen, auch weil da die Luft mit am besten ist (ein nicht unbedeutender Aspekt, wenn man in Stuttgart Zentrum wohnt). Die Ruhe an nem Sonntagmorgen um acht in Düsseldorf, den Rhein entlang, hat echt Charme.
    Abends zu laufen hat immer sowas von „Tagesende“… danach is der Tag rum. Mach ich eigentlich nur, wenn ich keinen anderen Termin finde.

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  8. Lisa sagt:

    Früh morgens! Heute noch getan und motivierter denn je. Gibt es etwas besseres als im Herbst dem magentafarbenen Sonnenaufgang entgegen zu laufen, während Felder und Äcker noch im leichten Nebel liegen und der Tau auf Gräsern und Blättern glitzert? Der kalte Wind im Gesicht als idealer Wachmacher. Ja, so startet man schön und belebt in den Tag. Ich freue mich schon auf morgen früh.

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  9. Luci Feria sagt:

    Morgenläufe – immer Nüchternläufe. Mittlerweile antrainierter Laufreflex. 😉

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