Das „Runner’s High“

Das Hoch eines Läufers beschreibt grob dahingeschmiert dessen Zustand an einem Punkt während eines Laufes, an dem ihm dieser aus subjektiv unerfindlichen Gründen nicht mehr schwerfällt und er das Gefühl hat, er könne ewig so weiterlaufen. Viele Läufer vergleichen das „Runner’s High“ mit einem Rauschzustand.

Bevor ich gleich alle Illusionen raube, meine Erfahrung: Ich kenne diesen Rausch auch. Insbesondere bei sehr langen Läufen verfalle ich diesem. Ist die erste Stunde eines Laufes vielleicht noch mühselig, stellt man nach einer weiteren plötzlich fest, dass man geradezu über den Asphalt fliegt: ein schmerz- und anstrengungsfreier Zustand einhergehend mit einem Glücksgefühl – keine Droge dieser Welt kann das besser.  Wobei das Unsinn ist, es gibt bestimmt tolle Drogen, aber naja, die Nachwirkungen, die Abhängigkeit, der Kontrollverlust, der Tod. Also besser keine Drogen (siehe auch Artikel „Warum Drogen gut sind“).

Gibt es das Läuferhoch tatsächlich? Denn wir wissen ja durchaus, dass Laufen zur Freisetzung von Endorphinen führt. Das ist körpereigenes Morphium. Geil! Morphium für umme. Leider ist die Dosis aber so gering, dass sich kein Rausch einstellen wird. (Was heißt „leider“?!, ich kann hier ja unmöglich den Rausch propagieren.) Der Läufer fühlt sich lediglich etwas beschwingt, was ja auch schon ganz nett sein kann.

Als ich zu Beginn meiner glanzvollen Laufkarriere (zweimal Gold in Rutztekostan, allerdings mit Dopingmitteln vollgedröhnt bis Notrufhafenkante) von diesem „Runner’s High“ hörte, legte ich es – wie viele Läufer – erst Recht darauf an und nahm mir vor, so lange zu laufen, bis ich in den Rausch gerate. An diesem Punkt gibt es zwei Möglichkeiten: Man erreicht diesen Level, weil man es erwartet und erfüllt damit die eigene Prophezeiung, oder aber: Es geschieht nichts – außer dass man sein Training etwas übertrieben hat, wenn man erst nach acht Stunden des Laufens akzeptiert, dass da kein „Runner’s High“ mehr kommt.

Wissenschaftlich betrachtet gibt es diesen Rauschzustand leider nicht. Es scheint sich um eine subjektive Angelegenheit zu handeln, die Laufeinheit spricht hier knallhart von Selbstbetrug. Ich unterhielt mich vor Kurzem mit einem Läufer über dieses Phänomen. Er ist der Meinung, dass es diesen Zustand durchaus gebe. Ich schließe mich aus meiner subjektiven Erfahrung heraus ihm an – mit der Einschränkung, dass die überwiegende Zahl meiner Langläufe ohne diesen Effekt abläuft.

„Achim Achilles“ – wer kennt ihn nicht unter den Läufern?! – ist der Meinung, es gibt dieses Hoch durchaus. Nur erreiche manch Läufer diesen Zustand eben niemals. Das scheint mir ein bisschen billo zu sein, Skeptiker auf diese Weise abzukanzeln, einfach zu sagen, „Ihr gehört zu denen, die es halt nie erreichen“. Während „endorphinerfahrene“ Läufer sogar vom körpereigenen Morphin abhängig werden können, und Depressionen verfielen, wenn sie nicht mehr laufen.

Und es wird noch komplizierter, wenn man Wikipedia zu Rate zieht:

„Einer Gruppe deutscher Forscher um Johannes Fuß gelang es aber im Jahr 2015 zu zeigen, dass die Ausschüttung körpereigener Cannabinoide (sogenannte Endocannabinoide) notwendig für das Auftreten des Runner’s High ist. Während die medikamentöse Blockade der Cannabinoid-Rezeptoren das Runner’s High verschwinden ließ, hatte die Blockade der Endorphin-Rezeptoren keinen Einfluss auf das Phänomen. Nach einer weiteren 2015 publizierten Studie an Mäusen ist auch das von Fettzellen produzierte Hormon Leptin sowohl für Bewegungsdrang als auch für Hungergefühl verantwortlich und beeinflusst so auch die Ausschüttung des Neurotransmitters Dopamin in Belohnungszentren des Gehirns.“

Johannes Fuß. Der Name klint nach Kompetenz in Sachen Laufen. Und „Belohnungszentrum“ klingt immer nach Suchtgefahr! Hat Achim doch Recht?!

„Runner’s World“ (ein Magazin, das ich inzwischen für unerträglich halte) weiß sogar ganz genau, wie man in das „Runner’s High“ treffsicher hineinsteuert:

„Für Ihr erstes Runner’s High empfehle ich folgende Trainingseinheit: erst fünf Minuten langsam traben, dann siebenmal je eine Minute lang schnell, aber kontrolliert laufen – Knie hoch, langer Schritt, Arme mitnehmen. Kein Sprint, aber ein hohes Tempo. Und nach jeder schnellen Minute zur Erholung zwei Minuten traben. Wetten, dass Sie in den letzten schnellen Minuten beginnen zu schweben? Und in diesem Rauschzustand am Schluss noch mal fünf Minuten langsam laufen.“

Exakt das gilt es nun auszuprobieren. Für mich und für Euch. Hat’s bei Euch geklappt? Freue mich über entsprechende Kommentare!


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6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Anni sagt:

    Hallo 🙂
    Ich habe über das Runner’s High damals meine Facharbeit geschrieben und es gibt diesbezüglich zwar nur wirklich wenige Artikel und Studien, aber dennoch scheint das Runner’s High wohl auch biologisch zu existieren, so ist es wissenschaftlich belegt. Die ungeklärte Frage ist nur, wie bzw. warum genau es im Körper ausgelöst wird. Finde deinen Eintrag echt gut, und auch ich persönlich habe beim laufen schon das ein oder andere mal einen derartigen Zustand erlebt! 🙂

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    1. Seppo sagt:

      Oha! Danke für den Hinweis!

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  2. karinhold sagt:

    Laufe nun schon länger nicht mehr *hüstel*, aber kann mich zumindest einmal an diesen Zustand erinnern, er hat nur leider nicht lange angehalten und ich war dann doch froh, mein Ziel erreicht zu haben. (Keine Ahnung, ob das evntuell altersbedingt ist, daher erwähne ich – das war mit 16)

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