Er läuft und läuft und läuft …

10.000 Schritte verbrennen 300 Kilokalorien. Dieses Pensum senkt bereits den Blutdruck und das Risiko für Diabetes, Schlaganfälle und Herzinfarkte. Im Schnitt tut der Deutsche nur 6.000 Schritte pro Tag, aber immerhin umrundet er damit in seinem Leben viermal den Erdball.

Wenn man mal ehrlich ist, muss man beim Blick durch die Grünanlagen der Städte feststellen, dass jeder Idiot ab zwei Beinen aufwärts läuft. Man fragt sich angesichts dessen: Ist der Deutsche jetzt Bewegungsmuffel oder nicht?! Seit den späten 1980er-Jahren boomt der Laufsport in Deutschland, Trimmdich-Pfade erleben derzeit ihre Renaissance. Das war mal ganz anders. Es gab eine Zeit, in der „Jogger“ ausgelacht wurden. Der Deutsche hatte sich gerade erst – Wirtschaftswunder! – das Auto erschwinglich gewirtschaftet und es zu einem Statusobjekt gemacht – warum also dann dieses nun wieder stehen lassen und zu Fuß laufen?! Überhaupt war das Laufen über Jahrhunderte eher eine Tätigkeit der Armen, während die Oberschicht es schlicht nicht nötig hatte. Auch das Bild hat sich geändert: Manager aller Art lassen sich gerne beim Laufen fotografieren und auch Joseph Martin Fischer lief zu sich selbst und wurde Joschka. Laufen ist wieder in, jede Stadt, die etwas auf sich hält, veranstaltet hin und dann einen Marathon.

Ich gehöre mit meinen 36 oder 37 Lebensjahren noch zu einer Generation, die als Kind viel gelaufen ist, vermutlich mehr als heutige Ableger. Ich will das gar nicht groß bewerten und vielleicht gibt es das noch, dieses „draußen spielen“. Selbst ich bin als Kind beim Klettern von Bäumen gefallen und habe meine ersten Sprints beim „Klingelmännchen“ hingelegt, wenn das Klingelstreich-Opfer überraschend früh die Tür geöffnet hatte. Als Kind war man stets in Bewegung.

Wie auch der frühe Mensch in seiner Geschichte.

Schnell unterwegs war der Urmensch aber nie. Also leichte Beute für alles, was schneller war. Doch seine Langsamkeit war auch des Menschen Pfrund, die mit einer enormen Ausdauer einherging: 40 Kilometer hat er dereinst pro Tag zurückgelegt, was schwer an die Marathondistanz erinnert. 40 Kilometer, die wiederum seine Beute nicht bewältigen konnte. Der Jäger und Sammler verfolgte sie bis hin zu deren Erschöpfung, da sie seiner Ausdauer nicht gewachsen war. Wie nervig musste es für ein Mammut gewesen sein, von einer Gruppe Menschen verfolgt zu werden, die einfach nicht ermüden wollte?!

Die ersten menschlichen Läufer stammen aus Ostafrika und noch heute gehören sie zu den besten. Sehr frische Studien weisen darauf hin, dass es die speziellen Eigenheiten ihres Körperbaus und der Muskelstruktur sind, die beispielsweise Kenianer immer wieder als erste ins Ziel von Marathonläufen katapultieren. Laut einer Studie liegt der Bauchnabel bei Schwarzen etwa drei Zentimeter höher als bei gleich großen Weißen. Zusätzlich sollen Afrikaner schmalere Hüften, ein längeres Fersenbein und weniger Unterhautfett besitzen und so anatomisch besser zum Sprinten ausgerüstet sein als Weiße. Ich werde mich also umoperieren lassen, obwohl das dann schon gefährlich nahe ans „Blackfacing“ herankommt. Also besser einfach weiter trainieren.

Herbert Steffny, deutscher Olympiateilnehmer und Diplombiologe, nennt noch weitere Faktoren, wie die kaum vorhandenen Möglichkeiten von alternativer Freizeitgestaltung oder überhaupt fehlende andere Karrierewege. Außerdem seien Ostafrikaner besonders abgehärtet durch die Höhenlage und das anspruchsvolle Trainingsgelände – oftmals fehlt es gar an Schuhwerk, sodass sie herausragende Barfußläufer sind.

Dass wir heute phänotypisch so daherkommen, wie wir es tun, ist dem Laufen geschuldet. Ich weise auf den aufrechten Gang hin, ein eindeutiges Merkmal, das darauf hindeutet, dass wir uns laufend durch die Evolution bewegen. Beispielsweise sitzt unser Schädel dergestalt auf den Halswirbeln, dass wir selbst beim Sprint noch geradeaus blicken können. Das ist gut durchdacht, weiß ein Hobbyläufer zu berichten, der mit Blick auf seine Laufuhr schon einmal vor ein Stoppschild gerannt ist. Eine ganz neue Schmerzerfahrung war die Folge sowie die Erkenntnis, dass dieses eine Stoppschild sich sehr wörtlich genommen hat. Egal, weiter: Unser Gleichgewichtsorgan ist größer als das von Schimpansen und damit empfindlicher für Reize durch Lageveränderungen, sodass wir bei jedem Tempo vermögen, uns nicht auf die Fresse zu legen.

„Betrachtet man den Muskelmasseneinsatz von Schimpansen, die sowohl auf allen Vieren als auch zweibeinig laufen, stellt man fest, dass die Affen im Vergleich zum Menschen doch wesentlich mehr Muskelmasse für den aufrechten Gang benötigen“, weiß Perikles Simon, Sportmediziner an der Universität Mainz, „die Tiere sind also vergleichsweise ineffektiv. Der Mensch braucht für den Gang nur etwa ein Viertel der aktiven Muskelmasse eines Schimpansen.“ (Focus 14/2012)

Und dann sind da noch die Schweißdrüsen, die beim Laufen aus allen Rohren feuern. Schade eigentlich, dass die Natur diese Sache nicht so gelöst hat wie beim Hund, der sich vorwiegend qua sabbernder Zunge abkühlt. Wir würden alle tropfend durch die Gegend laufen und fänden es wohl ganz normal, so wie der Hund es vermutlich völlig okay findet, permanent seine Zunge raushängen zu lassen.

Das ausdauernde Laufen liegt also dem Menschen. Schnell ist er nicht, Zweibeiner wie der Strauß beispielsweise schaffen bis zu 50 Kilometer pro Stunde, der sprintende Mensch hat es aber immerhin schon auf rund 44 km/h gebracht und wenn er dopt, ist vielleicht sogar noch mehr drin. Aber dopt Usain Bolt? Undenkbar!

Dromedare sind uns ähnlich, was die Ausdauer beim Laufen angeht. Sie sind in der Lage, bis zu 18 Stunden am Stück mit 16 km/h durch die Gegend zu tapern, was einem erstaunlichen Tempo von 3:45 Minuten pro Kilometer entspricht. Bewundernswert. Der Nachteil: Dromedare sehen albern aus. Auch im Stehen.

In unserer Zeit sitzt der Mensch sehr viel. Das ist nicht seine Schuld, sondern die der Evolution. Er hat sich Werkzeuge Untertan gemacht, die es ihm erlauben, einem Wal nicht hinterherrennen zu müssen, sondern die Jagdstrecke mittels Harpune zurückzulegen. Er ist bequemer geworden. Wo führt das wohl hin? Unsere Zehen degenerieren bereits und sehen ja auch wirklich etwas albern aus, wenn man sie mal länger ansieht. Wir werden angeblich immer fetter (Wir wissen seit einigen Wochen, dass diverse Krankenkassen uns fetter gemacht haben, als wir es tatsächlich sind und es möglicherweise eine Mär ist, dass der Deutsche zu einem übergewichtigen Volk wird.), unsere Wirbelsäulen verkürzen sich und dann rafft uns hoher Blutdruck nieder. Es steht schlecht um unsere Spezies, könnte man meinen. Und weil ich das alles nicht so schön finde, glaube ich, dass es jedem gut ansteht, an der Renaissance des Laufens teilzunehmen.


Quellen
Focus (14/2012)
Steffny, Herbert: Das große Laufbuch, 2009


Schaut gerne hin und wieder auf meiner Facebook-Seite vorbei!

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Silke sagt:

    Hach deine Schreibweise ist einfach herrlich!
    Ich verfolge sonst keinen Blog….

    Gefällt 2 Personen

  2. Suilshin sagt:

    Erfrischend und ansteckend 🙂

    Gefällt 1 Person

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