Laufen im Dunkeln

22 Uhr etwa, es ist „Halloween“, ich verweigere es und sitze auf dem Sofa. Der Laptop wärmt meinen Schoß und wechselt alle paar Minuten völlig unvermittelt und vor allem grundlos, wie ich finde, das Farbschema. Ich bin noch nicht hinter die entsprechende Einstellungsmöglichkeit gestiegen, um dem Spuk ein Ende zu machen.

Meine Beine fühlen sich schwer, aber dennoch entspannt an, meine Schultern schmerzen, die Arme kann ich kaum bewegen – Folgen des heutigen Kickboxens. Ich kann also guten Gewissens auf der Couch rumhängen, zumal ich zu mehr nicht in der Lage bin.

Gestern um diese Zeit etwa war das anders. Wegen eines Überangebotes an medialen Möglichkeiten war ich außer Stande, mich auf eine festzulegen und aus dem Nichts heraus kam mir die Idee, ich könnte doch einfach laufen gehen. Das ist an sich nicht ungewöhnlich, doch auf einen weiteren Blick ist es genau das – aus zweierlei Gründen: Zum einen hatte ich mein Laufpensum in dieser Woche bereits am Freitag erfüllt, zum anderen laufe ich seit Jahren im Grunde nur morgens oder vormittags. Das ist nicht Folge eines Prinzips, das hat sich aufgrund meines Tagesablaufes einfach so ergeben und ich bringe es überdies gerne hinter mich, das Laufen.

Das hat nun dazu geführt, dass ich seit vielen Zeiten nicht mehr im Dunkeln laufe. Im Dunkeln ist alles anders. Im Dunkeln ist Laufen ein ganz anderes als Laufen im Taghellen. Ich hatte das vergessen. Und genau das ist das Schöne, dass man auch im 15. Jahr des Laufens sich selbst doch noch überraschen kann.

Kaum war für mich die Entscheidung gefallen, mich wider Erwarten noch aufzuraffen, nachdem ich zwei Pfund Pommes gegessen hatte und im Grunde schon auf dem Sofa versackt war, trat ich mit mir in Verhandlungen. Ob es vielleicht eine alberne Idee wäre. Ich müsse ja nicht. Pensum ja bereits erfüllt. Aber auf der anderen Seite hätte ich dann in der kommenden Woche einen Joker-Tag mehr. Und einen Rückzieher zu machen, wenn es um Sport geht, passe doch nicht (mehr) zu mir. Also lief ich. Und war von der ersten Minute an bass begeistert.

Natürlich sind zwei Pfund Kartoffeln im Magen ein erhebliches Problem. Ich glaubte, dass es genügen müsste, wenn zwischen Nahrungsaufnahme und Sport rund zwei Stunden vergangen sind. Weit gefehlt. Zwei Drittel des Laufes, der am Ende etwa eine Stunde dauern sollte, fühlte ich mich wie ein Sack Erdäpfel. Man stelle sich diese breiige Masse im Magen vor, die alles verstopft und durch die Laufbewegung auf und ab geschüttelt wird. Es war kurios, der Bauch spannte massiv, aber die Beine ließen sich davon nicht beeindrucken, lediglich die Atmung litt ein wenig darunter.

Ich lief meine Lieblingsstrecke durch Düsseldorf, die über eine Hauptverkehrsader, die Berliner Allee, führt, weiter über die „Kö“ bis zum Rhein, dann über die Oberkasseler Brücke und schließlich über die Rheinkniebrücke wieder zurück.

Vor einigen Tagen beschäftigte mich hier noch die Frage, welche Tageszeit die wohl beste zum Laufen sei. Für mich war das bislang aus vielen Gründen immer der Morgen. Seit gestern Abend weiß ich wieder um die Vorzüge eines Spätlaufes, der mir allerdings auch nur an freien Tagen möglich ist: Ich laufe abends deutlich entspannter, deutlich „unangestrengter“.  Ich spürte eine längst vergessene Gelassenheit, die ich aus meiner Anfangszeit wiedererkannte, als ich grundsätzlich abends gelaufen bin. Auch in diesem Moment, wo ich den Lauf noch einmal rekapituliere, kennt meine Faszination ob dieser Gelassenheit beim Laufen keine Grenzen. Ein „Runner’s High“ vom ersten Moment an.

Im Dunkeln ist alles anders.

Erst im letzten Drittel des Laufes, als die Pommes schon nicht mehr zementartig im Magen lagen (Wo sind sie dann eigentlich?!), fiel mir ein weiterer Aspekt auf: Da es dunkel war, gab es keinerlei Ablenkung. Natürlich muss man sich mehr auf die Strecke konzentrieren, aber diese ist mir sehr vertraut, der Untergrund wartet auch in der Dunkelheit nicht mit überraschenden Schlaglöchern auf. Durch die fehlenden optischen Reize (sieht man von der kleinen „Skyline“ einmal ab, die Düsseldorf zu bieten hat und die im Dunkeln mit ihrer Beleuchtung nicht unschön wirkt), ist man ganz bei sich; mehr als man das beim Laufen ohnehin schon ist. Zu gucken gibt es nichts, es liegt alles unter dem Mantel der Finsternis verborgen. Also blickt man ins Nichts. Von außen betrachtet. Doch tatsächlich blickt man ins Innere.

Beim Laufen gerät man durch Nachdenken gelegentlich in einen Tunnelblick. Dieser Effekt ist in der Dämmerung noch viel intensiver. Man ist noch mehr bei sich, wodurch sich ein Gefühl der – festhalten, Freunde, es wird etwas kurios! – Meditation einstellt. Und wenn diese seelische Leichtigkeit auf die körperliche Gelassenheit beim Laufen trifft, gerät man in einen Schwebezustand. In einen denkbar angenehmen Zustand einer Leichtigkeit und Zufriedenheit, die ich Nicht-Läufern immer wieder als Rausch des Laufens verkaufe. Gestern hatte ich ihn in einer für mich seltenen Intensität erlangt, die mich umdenken lässt. Möglicherweise werde ich hier und da wieder vermehrt in die dunklen Abende hineinlaufen.

Etwas unbehaglich wurde es zugegebenermaßen in einem Park, den ich kurz durchqueren musste. Ich dachte an die Erzählung eines Freundes, der, ebenfalls in der Dunkelheit laufend, in einem Park auf Jugendliche getroffen war, die einen Baseballschläger mit sich trugen, aber wohl kaum Baseballspielen waren. In so einem Park ist man ab einer gewissen Uhrzeit etwas schutzlos unterwegs, was mir durchaus zu denken gab.

Schutzlose Läufer kamen mir ebenfalls entgegen. Solche, die meinen, sie müssten ohne Beleuchtung durch die Gegend eiern. Sie können sich sicher sein, dass Autofahrer sie nicht sehen, wenn sie nicht einmal reflektierende Kleidung tragen. Ich hingegen laufe wie ein Weihnachtsbaum durch die Gegend. Auf dem Kopf die Bergarbeiterlampe meines Großvaters, der offenbar schon LEDs kannte, die lustig vor sich her blinkten. Damit blendet man übrigens jeden, sodass ich immer vermeiden musste, entgegenkommenden Radfahrern direkt frontal ins Gesicht zu gucken. An meinen Armen blinken rote LEDs, sodass ich hoffte, dass man mich nur schwer übersehen und mich somit nur noch absichtsvoll über den Haufen fahren kann.

Es gibt keine Dogmen beim Laufen, das betone ich immer wieder. Und doch muss ich retrospektiv feststellen, dass ich mir eingebildet habe, für mich sei morgendliches Laufen ideal. Ich stelle fest, abends ist viel geiler!


Retrospektiv stelle ich fest, dass Facebook alles über mich weiß.

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. sirovio sagt:

    Moin! Maaaaan, wenn du weiter so schreibst, hab ich bald keine Ausreden mehr. 🙂

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  2. rorinoe sagt:

    Deine Begabung, kleine Beobachtungen akkurat und in besonderer Weise verbal zu kommunizieren, ist Deine große Stärke. Das ist relativ selten – und macht mir jedenfalls großen Spaß, animiert mich auch zum Selber-Schreiben. Deine Blogbeiträge gefallen mir aufs vergnüglichste! – Noch mag ich Facebook garnicht . . .

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    1. Seppo sagt:

      Vielen Dank!

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  3. kawahuhn sagt:

    Immer wieder hüpft mein Herz, wenn ich was von Meditation und seelischer Leichtigkeit lese 🙂
    Laufen ist im Übrigen eine großartige Sache. Irgendwann im No-Mind zu sein, aufnehmen und Füße bewegen … unbezahlbar

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  4. ChaosLu sagt:

    Klingt cool. Leider bin ich ein Schisshase. Ich bin früher häufig noch im Dunkeln gelaufen – morgens um 6 bildete ich mir im Park immer ein, dass die bösen Jungs entweder noch in ihren Betten liegen oder aber so zugedröhnt sind, dass sogar ich sie abhängen kann. Abends gilt diese Ausrede nicht. Plus ich bräuchte einen Babysitter. Ich werde also zumindest in den nächsten zehn Jahren nicht zum Abendläufer mutieren.

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