Muskelkater einfach wegtrainieren

Setzen wir unsere heitere Serie der „Laufmythen“ fort. Vieles von dem, was wir so lesen und vor allem hören von selbst ernannten Experten (wie ich es einer bin …), ist schlicht falsch und gehört in den Bereich der Mythen. Mein Lieblingsmythos im Rahmen des Laufens ist beispielsweise der, dass man sich vor einem Lauf unbedingt dehnen sollte. Das ist nicht nur falsch, es ist sogar gefährlich. Dennoch sieht man sie überall, die Läufer, die sich an roten Ampeln oder an roten Bänken dehnen – ein nicht totzukriegendes Dogma, das hier in der Laufeinheit allerdings demnächst erst im „Läufer-ABC“ vernichtend besprochen wird. Nebenbei: Habt Ihr eine Idee, was beim Buchstaben C drankommen könnte?!

Ich stehe wahnsinnig auf Muskelkater. Nun muss ich sagen, dass ich vom Laufen inzwischen keinen Muskelkater mehr bekomme. Im Januar aber, da werde ich wieder in den Genuss eines Wadenmuskelkaters kommen, da ich die letzte Woche eines jeden Jahres nicht laufe. Und da kann es durchaus mal passieren, dass beim Wiedereinstieg sich die Waden etwas überrumpelt fühlen und nach dem ersten Lauf im neuen Jahr schmerzen. So, Freunde, was tue ich? Klar, ich bin ja geil und laufe den Muskelkater einfach „weg“. Ich trainiere ihn weg.

Ich stemme fünfmal pro Woche neben dem Laufen Gewichte. Kraftsport empfiehlt sich dem Läufer sowieso, außerdem sieht’s nicht unbedingt schlecht aus, so rein phänotypisch. Ich kenne Muskelkater somit sehr gut – und genieße ihn. Für mich bedeutet Muskelkater: „Du hast was für dich getan!“ Ich empfinde ihn also keineswegs als störend oder schmerzhaft. (Sieht man von dem Muskelkater im Podex ab, es gibt wohl keinen schlimmeren! Wenn man nicht einmal mehr sitzen kann …)

Trainiere ich morgen den Muskelkater von heute weg? Nein. Denn dass das zum Erfolg führt, ist ein Mythos. Muskelkater kann man nicht wegtrainieren!

Was ist das eigentlich, dieser Muskelkater? So ganz weiß man es nach wie vor nicht. Es ist verrückt. Wir wissen, warum eine Katze miaut, aber wir wissen nicht, wie Muskelkater entsteht. Lange Zeit ging man davon aus, dass eine Übersäuerung des Muskels der Grund sei. Das allerdings ist widerlegt. Und was widerlegt ist, ist falsifiziert. Unumstößlich ungültig. (Ah, wegen „Kater“ kam ich wohl auf die Katze … hat mich gerade noch beim Schreiben beschäftigt … warum zur Hölle schreibst du über miauende Katzen? …) Denn nach dieser Hypothese, die sich „Laktathypothese“ nennt, da für die Übersäuerung Milchsäuren (Laktate!) verantwortlich sind,

„müsste ein Muskelkater besonders durch sportliche Betätigungen entstehen, bei denen sehr hohe Laktatwerte gemessen werden, wie zum Beispiel beim 400-Meter-Lauf. Die Praxis zeigt jedoch, dass er häufiger nach Krafttraining auftritt, bei dem nicht so viel Laktat gebildet wird“ (Wikipedia).

Und es kommt noch besser: Von meiner Mitbewohnerin, die unfassbar viel Sport treibt, weiß ich, dass ein Muskelkater sich streng an die Erdrotation hält – und erst 24 Stunden nach dem Training auftritt. Laktat aber hat eine Halbwertszeit von 20 Minuten, ist also nach 40 Minuten: weg.

Im Ernst, achtet mal darauf, wann bei Euch ein Muskelkater auftritt! Natürlich hat er mit der Erdrotation nichts zu tun, aber die 24-Stunden-Nummer kommt hin!

Also, die Milchsäure ist es wohl nicht und die Erdrotation auch nicht. Letztere hat aber auch niemand je behauptet. Ich hätte sie gar nicht ins Spiel bringen sollen, es führt nur zu allgemeiner Verwirrung.

Wenn ich Muskelkater vom Laufen habe, laufe ich dennoch am Folgetag wieder. Das soll man nicht. Man soll aber auch nicht schlecht über andere Menschen denken. Ich tu’s dennoch. Nicht über jeden freilich. Aber da gibt es Kanonen in meinem Leben, da fällt mir gutes Denken schwer. Wenn ich mir aber vor Augen halte, dass ein Muskelkater die Folge kleinster Risse im beanspruchten Muskel ist, sehe selbst ich als Unbelehrbarer mein Tun kritisch. Denn: Der Muskel ist traumatisiert! Und zwar mikrotraumatisiert! Kleine Risse lassen sich innerhalb der Muskelfibrille feststellen. Schlimmer noch! Es sind Entzündungen! Viele kleine Entzündungen, die durch diese Risse entstehen. Der Muskel schwillt sogar an! Geil, denkt der Tim Wiese in mir, doch die Schwellung ist zunächst einmal Folge von winzigen Ödemen. Und die tun nicht sofort weh, sondern erst nach rund einem Tag, wenn der Körper damit beginnt, die gebildeten Entzündungsstoffe aus der Muskelfaser herauszuspülen. Innerhalb der Faser fehlt es an Schmerzrezeptoren, sodass kein Schmerz empfunden wird. Aber eben nach 24 Stunden, wenn diese Entzündungsstoffe mit den außerhalb liegenden Nervenzellen in Kontakt geraten. Auf diese Weise erklärt sich eben die Verzögerung, mit der der Muskelkater auftritt.

Und wenn ich nun meine, ich müsste trotz Muskelkaters weiter trainieren, riskiere ich Tod und Verderben. Naja, zumindest aber einen Muskelfaserriss. Das ist dann kein Mikrotrauma mehr, das ist wohl eher ein Makrotrauma, was uns sehr, sehr traurig machen würde.

So ganz unbelehrbar bin ich aber nicht. Denn was meinen Kraftsport angeht, achte ich darauf, dass ich Muskelpartien nicht unbedingt an zwei aufeinanderfolgenden Tagen belaste. Schmerzt heute der Bizeps, penetriere ich eben den Deltamuskel. Oder so.

Kommen wir noch einmal zum Dehnen zurück. Manch einer glaubt, er könne dem Muskelkater mittels Dehnen vorbeugen. Das mag er glauben, richtig liegen tut er deshalb noch lange nicht. Den Placeboeffekt des Dehnens schätze ich auch eher als gering ein. Ich bin so etwas wie ein Arzt. Habe mal die „Apotheken Umschau“ gelesen … Was aber hilft, ist: Aufwärmen! Hab ich jahrelang nie gemacht. Wollte Zeit sparen. Sparte am falschen Ende. Nun wärme ich mich auf. Vor dem Kraftsport, nicht vor dem Laufen! Denn Aufwärmen vor dem Laufen (sofern es sich nicht um Wettkämpfe, also um schnelle Läufe handelt!) ist unnötig. Denn: Laufen ist Aufwärmen! Wer sich vor dem Laufen aufwärmt, wärmt sich womöglich auch vor dem Aufwärmen auf. Aufwärmen vor dem Kraftsport ist jedoch unabdingbar, erhöht die Leistungs- und Belastungsfähigkeit des Muskels. Wer ihn aber schon hat, den Muskelkater, der kann es mit einem Saunagang probieren. Denn Wärme hilft dem Muskel bei der Regeneration.

Welche Laufmythen kennt Ihr eigentlich noch so? Ich freue mich über Eure Kommentare!


Wieder was gelernt. Das Wissen nun anwenden: auf meiner Facebook-Seite!

15 Kommentare Gib deinen ab

  1. Personality Revolution sagt:

    Bin auch der Meinung, dass Krafttraining unerlässlich ist für einen gesunden Körper 🙂

    Und Muskelkater wegtrainierten ist echt Schwachsinn 😀
    Das ist wie wenn man Schmerztabletten nimmt, in der Hoffnung sie helfen gegen Muskelkater, doch wenn überhaupt blockiert man den Schmerz und hilft nicht der Muskelregeneration.

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  2. dergl sagt:

    Wegen C: Wie du weißt eigne ich mich eher zum Schleichen, aber gibt es vielleicht bei Läufern irgendeine Behauptung oder gar einen Fakt über Calcium-Zufuhr? Oder irgendwas mit Computern (Schritt- oder Zeitmesser etc.), irgendsowas wird doch bestimmt auch extra für Laufsportler beworben.

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  3. Fresh-Air sagt:

    Also bei mir ist´s gestern aus Versehen ein Halbmarathon geworden und ich kann Deine These, dass Muskelkater erst nach 24h kommt, nicht bestätigen! Der war sofort da!….
    Und auch heute morgen noch…
    Meine bisherigen Erfahrungen mit Muskelkätzchen: Leichte Laufeinheiten danach wirken tatsächlich Wunder…. Dooferweise bin ich heute nicht dazu gekommen….
    Was echt hilft (hab ich im letzten Urlaub in Chinaland gemerkt): ne professionelle Massage…. Tut zwar ein Stündchen lang weh, aber danach ist man wie neu geboren….

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  4. sirovio sagt:

    cojones – was hilft, den Wolf zu verhindern – ist für Anfänger vielleicht interessant! 🙂

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  5. sirovio sagt:

    Ach ja, um den Muskelkater ein wenig abzumildern, half mir immer ein richtig heißes, langes Bad!

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  6. Danischka sagt:

    Wieder gut gelacht 👍

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  7. Canidae (Hunde) und Läufer ein Herz und Zähne … das ganze noch mit einem tut-nix-hund kombinieren (der dann eben doch was tut)
    oder: Warum Carnivoren (Fleischfresser) die besseren Läufer sind … oder: der Caninus ist der Mundwinkelheber-Muskel denn braucht man sicher beim laufen – immer wenn ein anderer Läufer vorbeiläuft z.b. …

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  8. Juliqe sagt:

    Ja und warum genau soll man sich jetzt nicht dehnen?

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    1. Seppo sagt:

      weil es keinen effekt hat. bei krafttraining oder wettbewerblichen laufen hingegen durchaus.

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      1. Juliqe sagt:

        Und warum ist es dann gefährlich?

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      2. Seppo sagt:

        dehnen, wenn es nicht angebracht ist, wirkt wie eine überdehnung, auf die der körper mit muskelkontraktion reagiert, wodurch die grundspannung letztlich erhöht statt verringert wird. bewegungen werden dadurch eingeschränkt und können schädlich wirken. viele verwechseln dehnen auch mit aufwärmen. dehnen ohne aufwärmen ist ebenso gefährlich wir muskelbelastung ohne aufwärmen. übertreibt man das dehnen, verschiebt man die schmerzgrenze nach außen, sodass man gefahr läuft, den muskel über gebühr aus zu belasten. kleine muskelrisse sind die folge. aber nochmal: dehnen ist nicht per se gefährlich, aber vor einem lockeren lauf absolut überflüssig.

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  9. David W. sagt:

    Du hast recht. Wie in vielen Bereichen des Lebens gibt es zahlreiche Experten (was nicht sarkastisch gemeint ist) mit noch zahlreicheren „richtigen“ Meinungen, deren Wahrheitsgehalt sie selbstverständlich mit Untersuchungen und Forschungsergebnissen untermauern. Und am Ende weiß der Laie gar nicht mehr, welchen professionellen Rat er befolgen soll, wenn es zu einem Thema unterschiedliche Meinungen gibt, deren Erklärungen so super logisch sind (bzw. erscheinen). Besonders im sportlich aktiven Bereich gibt es glaube kaum ein Thema, worüber es nicht mehrere Fachmeinungen gibt. Sei es bei den Themen „Supplements“, „Trainingsplan“oder ganz besonders „Ernährung“. Dehnen und Aufwärmen können da nahtlos eingereiht werden. Experte A empfiehlt Dehnen vor dem Training, der Zweite empfiehlt es nach dem Training und der Dritte hinterfragt den grundsätzlichen Sinn. Alles gar nicht so einfach. Schließlich möchte man keine Fehler machen. Wie handhabe ich es in solchen Fällen? Ich belese mich und entscheide dann für mich, wie ich vorgehen möchte. Manchmal sollte man auch weniger so viele Tipps und Meinungen aufnehmen und nach der optimalen Herangehensweise suchen. Gerade als Gelegenheitssportler spielen viele Sachen eine untergeordnetere Rolle, als sie glauben. Ein Laie wird sich wohl nicht so übermäßig und exzessiv dehnen (können), dass es zu einer Gefahr für das krafttraining werden kann. Dann ist es im schlimmsten Falle einfach nur sinnfrei.

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