Laufen? Erkältet?!

Passionierte Läufer zeichnen unter anderen diese zwei Dinge aus: Sie hassen Erkältungen, die sie vom Laufen abhalten, und sie laufen trotzdem.

Willkommen in meiner Welt. Memmerei ist hier fehl am Platz.

Der verantwortungsvolle Leser schreit nun auf! Laufen?! Mit Erkältung?! HERZMUSKELENTZÜNDUNG! TOD!

Im Kern ist diese Ereigniskette auch nicht unbedingt falsch, aber sie pauschalisiert doch enorm und ist Auswuchs jenes Halbwissens, das man hier und da mal aufschnappt und unreflektiert nachplappert. Diese Argumente höre ich überdies in aller Regel von Menschen, die vielleicht dreimal in ihrem Leben überhaupt gelaufen sind und eine Fülle „guter“ Gründe dafür kennen, warum sie „heute mal nicht“ laufen gehen können.

Ich laufe seit in wenigen Wochen ziemlich genau 15 Jahren und habe alle Varianten getestet. Und sie alle überlebt. Es ist immer eine Frage des richtigen Maßes. Dazu muss man wissen, dass ich mir etwa zweimal pro Saison eine Erkältung zuziehe, alle zwei Jahre auch gerne mal eine ordentliche Grippe mit Fieber. Vielleicht weil ich Zink ohne Ende schlucke oder mein exzessiver Kraftsport mein Immunsystem grenzenlos gepimpt hat, bin ich seit nun zwölf Monaten frei von Verkühlungen. Vermutlich ist es aber nur Glück, und weil ich es nun geschrieben habe, werde ich morgen flachliegen … Und dann gülte unbedingt: Mit einer fiebrigen Grippe läuft man besser nicht, die Signale des Körpers sind in dem Falle auch eindeutig und unmissverständlich. Das Erheben aus dem Bett grenzt im Krankheitsfall bereits an Sport; an Laufen ist nicht zu denken.

Grippen kommen oft zügig. Ich spüre sie meist während eines Laufes kommen, wenn ich merke, das selbst langsame Tempo ist mit enormer Anstrengung verbunden. Da ich dann aber schon unterwegs bin, ist es zu spät. Wenige Stunden später weiß ich es dann genau: Ich bekomme Fieber und ertränke mich in Ingwer-Tee. Liege da und leide, wie es Männern ja gerne unterstellt wird, und frage mich, wie es möglich sein soll, jemals wieder zu laufen, da der Gang zum Klo schon im Grunde nicht mehr machbar ist und man temporär streng genommen eine Pflegestufe beantragen müsste. Drei.

Aber wie sieht es bei einer Erkältung aus?

Der Erkältungsbegriff ist leider nicht klar definiert und wird teilweise mit einem grippalen Infekt gleichgesetzt, gewissermaßen der Vorstufe zur richtigen Grippe. Ich definiere Erkältung für mich dann als gegeben, wenn ich die klassischen Symptome vorweisen kann und mich dazu „schlapp“ fühle. Schnupfen und Husten allein machen für mich keine Erkältung, ich spreche dann persönlich von einer Verkühlung (klingt so schön loriotesk), was aber letztlich nur der österreichische Begriff für Erkältung ist.

Vor 15 Jahren also, als das Laufen begann, mein Leben zu verändern, neigte ich dazu, bei Husten und Schnupfen oder gar Halsschmerzen auf gar keinen Fall laufen zu gehen. So eine Verkühlung war auch immer eine willkommene Ausrede, um mal ein, zwei Tage auszusetzen. Doch schon in meinem zweiten Laufjahr war meine Motivation die, sooft wie möglich laufen zu gehen und eine Erkältung damit ein Problem. Und so entschied ich, etwas risikoaffiner zu werden und es zumindest einmal zu testen. Kurioserweise weiß ich noch, dass es im Oktober 2005 war, als ich zusammen mit Husten, Schnupfen und Halsschmerzen laufen ging. Zwar nur ’ne halbe Stunde lang und deutlich schonender als sonst, aber ich wagte es. Und es funktionierte, es belebte sogar. Wieder zuhause versenkte ich mich in einer Badewanne gefüllt mit heißem Wasser und wartete darauf, dass nun der Mann mit dem Hammer kommt. Er kam nicht, wenige Tage später war ich wieder gesund. Und ich behaupte: wegen des moderaten Laufens.

Ich begann zu recherchieren und stellte fest, dass es durchaus zahlreiche medizinische Studien gibt, die in mein Horn blasen. Während früher strenge Bettruhe bei ähnlichen Erkrankungen verordnet wurde, legt man dem Patienten heutzutage eher (moderate!) Bewegung nahe. Das gilt interessanterweise auch für Dinge wie Knochenbrüche, auch wenn nur die wenigsten es wagen, mit einem gebrochenen Bein laufen zu gehen. Auch bei Schleudertraumata werden kaum noch Halskrausen verordnet, sie gelten in der Regel als kontraproduktiv. Aber dem angeschlagenen Läufer sollte bewusst sein: Moderate Bewegung bedeutet keineswegs Marathon. Ein halber tut’s auch.

Ich kann hier natürlich nicht Sport bei Erkältung empfehlen, es ist gefährlich und jeder ist da seines Glückes Schmied. Bei leichten Symptomen halte ich es in sanftem Umfang für rekonvaleszenzförderlich, was vielleicht lediglich mit der frischen Luft zusammenhängt oder der Kombination mit der heißen Dusche danach. Ich habe in meiner Karriere keine schlechten Erfahrungen damit gemacht, weise aber auch die Gefahren nicht von der Hand.

Kälte ist weder eine hinreichende noch notwendige Bedingung, um eine Erkältung zu bekommen. Doch gerade in der kalten Jahreszeit ist das Immunsystem gerne mal geschwächt. Dennoch sagen auch Sportmediziner, dass ein leichter Schnupfen

Wann im Winter haben Läufer während eines Laufes eigentlich mal keine laufende Nase?!

mitnichten ein Grund ist, eine Pause einzulegen, sofern Belastung und Intensität beim Laufen gering bleiben. Bei einem ordentlichen Husten sieht das anders aus, hier sollten die Bronchien nicht zusätzlich durch kalte Luft gereizt werden. Zudem sollten wir mehr trinken als sonst, da wir auch im Winter beim Sport genauso viel schwitzen wie im Sommer und erkältet mehr Flüssigkeit brauchen. Wichtiger als ohnehin schon sind darüberhinaus die Regenerationsphasen, denen im geschwächten Zustand ein höherer Stellenwert zukommt.

Ich erlebe Schwächetage manchmal so, als habe sich mein Körper noch nicht ganz entschieden, ob er nun krank wird oder nicht. Ganz fit fühle ich mich nicht, aber auch nicht wirklich krank. An solchen Tagen fällt die Entscheidung stets pro Laufen aus. Mal gucken, ob’s geht. In diesem Zusammenhang darf ich eine Kardiologin zitieren, die mich wissen ließ:

„Wer sich einfach nicht zu hundert Prozent wohlfühlt und vor allem keine Krankheitssymptome wie Schnupfen, Husten, Halsweh, Temperaturen und Gliederschmerzen hat, sollte zwar nicht mit hundert Prozent trainieren. Aber frische Luft, ein leichtes Regenerationstraining wie lockeres Laufen, das kann im Zweifel sogar dazu führen, dass man sich besser fühlt. Körper und Geist von Sportlern sind sensible Komponenten. Ihr Zusammenspiel ist wichtig. Wer maßvoll damit umgeht, wer an Entscheidungstagen maßvoll trainiert, dem wird diese Form des Trainings helfen.“

Sag ich ja: maßvoll. Auf den Körper hören. Und sich seiner Erfahrung bewusst sein. Als Laufanfänger ist es vermutlich keine gute Idee, das eine oder andere Signal des Körpers zu überhören, aber mit mehren tausend Kilometern Erfahrung unter der Sohle ist es schon etwas anderes, der Körper hat sich im Laufe der Jahre auf den gegebenfalls intensiven Sport eingestellt.

Grundsätzlich gilt, dass im Krankheitsfalle das Immunsystem alle Kräfte braucht, um den Körper zu heilen, sodass ein zusätzliches Training den Körper überfordert. Der Herzmuskel entzündet sich schnell, man merkt es erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist und eine vollständige Genesung gibt es nicht.

Wer Medikamente schluckt – ich bin ja Fan von „Wick MediNait“, auch wenn es pures Gift ist -, sollte auf gar keinen Fall laufen, da man sich durch die Medikamente fitter fühlt, als man eigentlich ist. Ich tue es dennoch. Aber ich bin kein Maßstab. Meine Mutter allerdings auch nicht, die mir schon seit 15 Jahren den plötzlichen Herztod beim Laufen prognostiziert!

Mama, wenn es wirklich so kommt, dann nur, weil ich derart viel laufe, sodass die Wahrscheinlichkeit des plötzlichen Herztodes per se sehr hoch ist, weil er eine große Chance hat, dass ich dann, wenn er kommt, gerade laufen bin!

Ich darf das hier sagen, da sie seit vergangener Woche hier mitliest …

Grundätzlich gilt der Winter, der ja bei uns eher nur als milde Ausgabe zu haben ist, als beste Trainingszeit des Jahres. Denn die Meister, die werden im Winter gemacht.

Alberner Läuferspruch. Nehme ich zurück.


Wenn ich mal richtig krank bin, zelebriere ich es gerne auf meiner Facebook-Seite.

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14 Kommentare Gib deinen ab

  1. DER FÜNFERLPRINZ einestimmesuchtandere sagt:

    ich bin etwas kritisch deinem text gegenüber. Ich habe einen kaputten Herzmuskel. Nicht durch Laufen , sondern körperliche Arbeit , während einer Grippe. hab es erst 7 Jahre später mitgeteilt bekommen.ich hab gar nichts gemerkt. und moderater Sport ist gut, aber ich glaube nicht, das dazu unbedingt Laufen gehört bei einer Grippe.
    und es so leicht zu nehmen, kann eben gefährlich sein.
    so jetzt muss ich zum Krafttraining.

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    1. Seppo sagt:

      Darum schreibe ich genau das mehrfach.

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  2. Fresh-Air sagt:

    Mein Motto: Nicht in eine beginnende Erkältung laufen, in eine ablingende kann und sollte man laufen…
    mal davon abgesehen, dass ich, seitdem ich das Laufen intensiviert habe (= > 1 x Wo), eigentlich nicht mehr erkältet war… grübel.. .ob das zusammenhängt? oder liegts doch an dem halben Fingernagel voll Vitamin Zäh, welches ich mir täglich auch noch gebe 🙂

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  3. lydiaswelt sagt:

    Ich versteh das gar nicht. Selbst die meisten Ärzte sagen man soll bei Erkältung an die frische Luft und sich ein bisschen bewegen.

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    1. FRESH AIR: „An apple a day keeps the doctor away.“ – Ersetzt den zähen Fingernagel und hat zusätzliche Vorteile. 😉

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  4. Der Kernpunkt ist hier wirklich perfekt herausgearbeitet:
    1) Höre auf deinen Körper.
    2) Du kannst nur auf deinen Körper hören, wenn Du keine Medikamente nimmst.

    Ein leichtes Lauftraining bei „Männerschnupfen“ hat noch nie Jemanden getötet. 😉

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    1. Seppo sagt:

      exakt. darum ging es mir, nicht ums laufen bei grippe.

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  5. eiskunstlaufenblog sagt:

    Na klar, raus an die frische Luft; und Abwehrkräfte stimulieren. Deine Beiträge bleiben haften, und das ist ein Problem für mich als Trekking-Biker, eigentlich bin ich überzeugt nun auch mal sachte und als A-Null 50Plus mit dem Laufen zu beginnen, auf dem Nordseeküsten-Radweg sind auch viele Hobby-Läufer selbst bei Sturmböen unterwegs. Oh je, es schneit 2 Grad/Wind gefühlft so minus 2-3 Grad, hübsch-häßlich, melde mich wieder; wenn ich tatsächlich angefangen habe. So long

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  6. Bisou sagt:

    Kommt zu Läufern Thor mit dem Hammer statt, tja, wie heisst jetzt der mit der Sense *Kopfkratz ?

    Ach nein, wie war das noch, der Hammer ist dann fürs nicht still sein wollen de Mundwerk?

    Und, sollten sie bis hierher lesen: „Guten Abend Frau Mama“

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  7. Bisou sagt:

    Ach, vergessen: Kermit gute Besserung
    Schönes Foto 🙂

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  8. desmolenz sagt:

    Danke für den Beitrag.
    Klasse geschrieben und ich werde mir die Seite merken- immer wieder reinschauen, denn ich beabsichtige in meinem hohen Alter den Lausporthügel zu erklimmen !!!!

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