E wie Entdeckungslauf

Es ist Sonntagvormittag, kalt zwar, dafür aber sonnig; ideal für einen Lauf. Doch stattdessen freue ich mich darüber, dass ich mein Wochensoll bereits erfüllt habe und in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ unter anderen einen Artikel darüber lese, dass das Gefühl Neid eine Funktion hat, die des Ansporns nämlich, und dass man sich ja auch, statt neidisch auf die Fähigkeiten anderer zu sein, seiner eigenen Stärken bewusst werden könnte. Als Beispiel schlägt die Wochenzeitung, die bereits mehrfach und zurecht den „European Newspaper Award“ gewonnen hat, vor, man könne entweder den Reichtum seines Nachbarn neiden oder sich der eigenen Talente besinnen: „Er ist reicher, aber ich bin sportlicher“. Da fühlte ich mich angesprochen: Denn ich bin übrigens beides, sagenhaft vermögend, sodass ich mein Brot mit Geld belege, dann aber wegwerfe, und sportlich obendrein. Und warum bin ich letzteres? Weil ich im Jahr 2004, zwei Jahre nach dem Beginn meiner einzigartigen Laufkarriere, etwas für mich entdeckt habe:

Den Entdeckungslauf. Und damit geht das Läufer-ABC in Runde fünf, angereichert mit einigen Fotos, die ich bei diversen Läufen schoss.

img_0105-kopieDüsseldorf-Flingern, 2010

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Düsseldorf-Oberbilk, 2012

Ich höre oft, Laufen sei ein monotoner Sport. Davon abgesehen, dass ich das, wie so manches Klischee über diesen Sport, lediglich von Ichkannmichnichtaufraffen-Läufern (Hier sprechen wir verächtlich von „Joggern“!) vernehme, stimme ich dem insofern zu, als dass der Bewegungsablauf in der Tat an Akkordarbeit erinnert (Akkordarbeit ist allerdings in vielen Fällen effizient, was ja auch für die Langstreckenausdauer des Menschen gilt. Unter leicht veränderten Rahmenbedingungen könnte er Geparden jagen, die zwar schnell sind, aber über eine miese Kondition verfügen. Als Zoologie-Student muss ich aber hinzufügen, dass Geparden derart schnell unterwegs sind, dass sie uns erwischten, bevor wir unsere Ausdauer überhaupt unter Beweis stellen könnten. Außerdem gibt es gar keinen Grund, Geparden zu jagen. Vielleicht wegen des Fells, okay. Aber dessen Muster ist doch schon lange „out“ und irgendwie etwas prollig. Im dieLaufeinheitSHOP übrigens bald erhältlich: Laufschuhe aus Robbenleder mit niedlichen Elfenbein-Applikationen, imprägniert mit Bullensperma. Robbenleder und Bullenfrucht habe ich eigenhändig erbeutet.).

Seit meine Eltern hier mitlesen, ist mir manches unangenehm …

Aber auch das Lauferlebnis kann monoton werden, dann nämlich, wenn der Läufer einen klassischen Anfängerfehler begeht, den ich etwa zwei Jahre lang beging, weil ich sehr, sehr dumm war: Ich lief immer im Kreis und zu allem Überfluss auch noch stets im selben.

Die ersten Laufschritte wagte ich im Frühjahr 2002. Mit ihrer Hilfe gelang es mir, den „Hiltruper See“ in meiner Geburtsstadt Münster zu umrunden, der einen Umfang von 1,8 Kilometern hat. Und Monotonie wird bei Wikipedia dann als gegeben definiert, wenn man Tag für Tag sechs bis acht Mal denselben See umrundet. Das habe ich getan. Immer rechts herum. Wieder und wieder.

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Münster-Hiltrup, „Hiltruper See“

Nach zwei Jahren war somit mein rechtes Bein kürzer als das linke, was in Supermärkten ein Problem darstellt. Denn achten Sie einmal darauf: Durch einen Supermarkt bewegen Sie sich stets links herum (von einigen „Aldis“ abgesehen). Das hat konsumpsychologische Gründe, dahinter steckt Kalkül. Das bei mir nicht mehr aufgeht, da ich nur noch rechts herum kann, sodass ich meinen Einkauf immer an der Kasse anfange und in der Obst- und Gemüseabteilung bezahle.

Gleicht kommt der Autor sicherlich zum Punkt. Geben wir ihm eine Chance! 

Es sollte bis 2004 dauern, als ich feststellte, dass der Laufsport es einem ermöglicht, überall hinzulaufen! Und so kam es, dass ich für alle Beteiligten völlig unerwartet aus dem Nichts heraus urplötzlich beim Laufen im Kreis:

abbog!

Das, was ich heute noch für mich „Entdeckungslauf“ nenne, war geboren: Ohne groß darüber nachzudenken einfach loslaufen! Nicht vorher planen, wo die Reise hingeht, sondern einfach drauf los laufen! Auf die Weise hatte ich mir meine Heimatstadt Münster völlig neu erschlossen, zumal sie die ideale Größe für Läufer hat: Anders als in Tokio kann man problemlos von einem Ende zum anderen laufen und dabei eben viel entdecken. Traditionell finden für mich diese Läufe im Frühjahr statt, wenn das erste frische Grün an den Bäumen auf die erste Milde des Jahres trifft, was einen unglaublich motiviert. Solche Strecken bewegen sich dann meist auch jenseits der 20 oder gar 30 Kilometer, was zum einen gewollt ist, zum anderen aber auch Folge sein kann von Irrungen und Wirrungen.

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img_2322Münster, Rheinturm

img_0824Münster-Hiltrup, Wasserwerk


Münster, Rieselfelder

Ein schönes Beispiel, und inzwischen oft von mir zitiert, ist mein erster Lauf durch Düsseldorf im Jahre 2008, als ich zunächst hier und dann über die Stadt herzog. Ich hatte mich nach etwa 20 Minuten verlaufen. Zwar hatte ich einen kleinen Stadtplan bei mir – ich laufe stets ohne Handy und damit auch ohne entsprechende Apps, die mir in so einem Falle sehr helfen würden -, doch war es mir binnen jenen 20 Minuten gelungen, über dessen Rand hinauszulaufen. Heute weiß ich, dass ich mich in Düsseldorf-Gerresheim befand, als ich einen Passanten nach dem Weg zurück fragen musste. Es war natürlich nicht frei von Komik, dass ich ausgesprochen einen blinden, also des Sehens unvermögenden Neumitbürger, nach dem Weg fragte, der mir antwortete:

„Ich würde Ihnen ja meinen Hund überlassen, aber den brauche ich selbst, um nach Hause zu kommen.“

Nun, ich war etwas peinlich berührt, denn so ein Blindenhund hätte mir ja durchaus signalisieren können, dass er gerade dienstlich unterwegs war. Aber Blinde sind ja erstmal nur blind und nicht zwingend doof, sodass sie mir ja irgendwie zumindest eine Himmelsrichtung mit auf den Weg geben könnten. Er begann mir also zu erklären, wie ich wieder nach Düsseldorf-Grafenberg komme, während ich feststellte, dass direkt hinter ihm ein öffentlicher Stadtplan aushing. Während er mir also beschrieb, dass ich die Benderstraße bis zum Wald laufen musste, sah ich hinter ihm auf jenem Plan, dass ich die Benderstraße bis zum Wald laufen musste, alldieweil der Hund mir mit seinen Augen signalisierte, dass ich die Benderstraße bis zum Wald laufen musste. Blindenhunde können sehr arrogant werden, da sie sich für so etwas wie Superhunde halten. Ah, da ist er wieder, der Neid.

Das ist die Kehr-, aber auch sehr reizvolle Seite an Entdeckungsläufen: das Verirren zwischendurch, nicht mehr zu wissen, wo man ist, dann aber Wegmarken in der Ferne zu erblicken, die einem die grobe Richtung vorgeben können. Einst wies mir der Düsseldorfer Fernsehturm, hier verschrien als „Rheinturm“, den Weg zurück, als ich mich in Erkrath, einem Ort in der Nähe Düsseldorfs, verlaufen hatte. Oder eben der Rhein selbst, der einen zwangsläufig wieder zurückbringt, sofern man nicht versehentlich in Richtung seiner Quelle läuft.

Immer wieder kommt es vor, dass ich, mit dem Auto unterwegs, entfernte Gegenden irgendwie wiedererkenne und meist eben ein Entdeckungslauf der Grund ist. So verschlug es mich mal nach Düsseldorf-Rath und ich erinnerte mich, wie ich Jahre zuvor das erste Mal Rath durchlief und schockiert war angesichts der Ruinenstadt, die mich massiv an der Gerechtigkeit des Solidarpaktes zweifeln ließ. Entdeckungsläufe sind unberechenbar, was sie eben so reizvoll macht: Man weiß nicht, was kommt; mal ist es ein Erlebnis, wenn man beispielsweise auf naturbelassene Gegenden stößt, mal verstörend, wenn man das wahre Bild Düsseldorfs sieht, oder faszinierend, wenn man sich in verlassenen Industrieruinen wiederfindet, die ich besonders gewinnend finde; wie viele Frauen, die sich für Models halten, und sich ja grundsätzlich gerne vor alten Mauern ablichten lassen. Das ist dann mehr so editorial. Oder commercial?! Ich muss dringend wieder „Germany’s next Topmodel“ gucken, ich bin da völlig raus aus der Materie.

20160513_131039Düsseldorf, Hafen

img_2408Münster, Hafen

Letztlich stelle ich fest, dass ich mich immer wieder daran erinnern muss, neue Strecken auszuprobieren, um nicht Opfer einer Monotonie zu werden, die das Laufen in der Tat zu einem langweiligen Sport machen kann. Die Monotonie droht nicht nur im Zuge der immer selben Strecken über uns herzufallen, sondern, was an anderer Stelle einmal ausführliches Thema sein soll, auch qua fehlende Varianz im Lauftempo. Wer immer nur schnell läuft, wird sich langweilen und mit der Zeit immer langsamer, wohingegen der stetig Gemütliche Läufer über kurz oder lang einzuschlafen droht.


Ich wünsche einen schönen Sonntag und verweise gerne auf meine Facebook-Seite!

7 Kommentare Gib deinen ab

  1. desmolenz sagt:

    hat mir eine neue Idee gebracht….. Probiere ich ;-))

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  2. eiskunstlaufenblog sagt:

    hey, mit welchem survival-kit/equipment machst Du „Seppo“ solche Entdeckungsläufe, – auch im Dunkeln weiterlaufen, und für eine Übernachtung im Freien vorbereitet sein. Freue mich schon auf den nächsten Beitrag.

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  3. kasiajaeckel sagt:

    In Ansätzen auch schon auf Entdeckungstour gelaufen…aber inspiriert durch Deinen Artikel (lachtränchen trockne ich noch) werde ich dieses Jahr mutiger 😉 LG Kasia

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  4. Fresh-Air sagt:

    entdeckungsläufe sind komischerweise immer die längsten…. plödes verirren im wald…. 🙂

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