Laufen um zwanzig nach fünf

Das Laufen hat neben dem Kraftsport bei mir absolute Priorität im Alltag: Alles wird ihm untergeordnet. Meine Mitmenschen, ja, sogar meine Mitbewohnerin, die mich allerdings schon laufend kennengelernt hatte. Eine ähnliche Gewichtung ihres Sports gegenüber mir gestehe ich ihr natürlich genauso zu. Das unterscheidet unter anderem den Läufer vom Jogger; der Läufer läuft wirklich und immer. Eine sehr militante Sichtweise, mit der ich mir schon viele Unfreunde gemacht habe …

Auch der Schlaf wird dem Laufen untergeordnet. Wegen einer Holzlieferung begann mein heutiger Arbeitstag rund vier Stunden früher als sonst – also zu einer für die meisten Arbeitnehmer normalen Zeit -, sodass mein Wecker bereits um fünf Uhr schalepperte. Undenkbar zu diesem Caitpunkt, dass ich zwanzig Minuten später bereits die blinkende Stirnlampe auf dem Kopf tragen würde. Unvorstellbar, dass ich mich wirklich über einen längeren Zeitraum mit etwa 10,3 Stundenkilometern durch den noch dunklen Morgen bewegen würde. Praktisch utopisch, dass meine Verdauung ihre Termine diesem frühen Vogel anpassen würde …

Frühes Laufen bin ich gewohnt, viele Jahre lang war es Standard, doch seit einigen Monaten laufe ich eher gegen acht Uhr 30, wenn der Körper schon etwas beweglicher ist, zumal ich dann bereits den Kraftsport hinter mir habe. Auch als passionierter Frühaufsteher, der ich bin, brauche ich in der Regel mindestens eine Stunde und mehrere Kaffee, bevor ich wirklich motiviert loslaufen kann.

Heute aber war keine Zeit für großes Rummotiviere, was aber den enormen Nebeneffekt hat, dass auch dem inneren Schweinehund keine Zeit blieb, Bedenken anzumelden; das Zeitfenster hat ihn nicht vorgesehen, sodass ich wie geplant zwanzig Minuten nach dem Aufstehen ohne Betätigen irgendwelcher Schlummertasten loslief und bereits da schon stolz war, da ich mir zumindest das kommende Wochenende lauffrei halten will, sodass ich meinen Joker heute keinesfalls ziehen konnte. So gerne ich laufe, so ungern tue ich das am Wochenende, das ganz dem Eskapismus gehört.

Wer nicht gerne durch die Stadt läuft, sollte das zumindest einmal zu solch frühen Uhrzeiten versuchen, da man die Stadt dann noch für sich alleine hat. Rote Ampeln haben keine Bedeutung, der Verkehr setzt gerade erst ein. Und man nimmt tatsächlich ein erstes, zaghaftes Vogelgezwitscher wahr, nicht aber die zahlreichen Pfützen. Und die, wie ich finde, größten Läuferfallen überhaupt: Zwischen zwei Begrenzungspfählen gespannte Ketten, die Bürgersteig von Straße trennen. Der Fachbegriff ist „Kettenpfosten“. Meist fehlt die Kette zwischen den Pfosten, man kann also in aller Regel ungehindert zwischen zwei Pfählen durchlaufen. Doch dann gibt es diese seltenen Fälle, wo die Kette tatsächlich vorhanden ist, was bei Dunkelheit schnell mal übersehen werden kann. Und Stirnlampen bringen leider wenig, was das Sehen angeht, geht es ihnen doch eher ums Gesehenwerden.

Daher laufe ich bei Dunkelheit meist Strecken, die ich kenne, was sich insbesondere auf Waldwegen empfiehlt, die ja nun wirklich ihre Tücken haben können, aber immerhin selten Kettenpfosten aufweisen, deren Ketten in etwa auf Hüfthöhe gespannt sind. Rennt man da ungebremst rein, kracht man unweigerlich auf das eigene Gesicht. Dazu kam es heute Morgen nur fast. Im letzten Moment sah ich die Kette und konnte abbremsen. Ab dem Zeitpunkt immerhin war ich hellwach, um meine zweite Prüfung zu bestehen:

Hunde und Läufer – das ist so eine Sache. Ich mag Hunde, aber habe vollstes Verständnis dafür, dass ich nur bewaffnet laufen gehe. Ich traf auf einen Hund samt Besitzer. Die beiden wähnten sich ähnlich allein wie ich, aber immerhin war der Hund angeleint, was keinem der beiden wehtat. Nun weiß ich, dass Hunde mitunter etwas aufgebracht auf Stirnlampen reagieren. Dieser Hund war ausgesprochen aufgebracht und rastete völlig aus, als ich ihm entgegenkam. Ich schaltete die Lampe aus und war nun ebenfalls aufgebracht, weil ich absolut cain Verständnis dafür aufbringe, dass Hunde nicht auf Jogger vorbereitet sind. Herrchen kriegte Hund kaum unter Kontrolle und stolperte beim Zurückzerren der Leine über selbe und lag albern auf der Straße rum, während Bello auf mich zu rannte. Ich stand wie sooft bei diesen Vorfällen einfach da und hoffte auf ein Eingreifen von Herrchen, das sich berappelte und die Leine erwischte, um mich dann wüst zu beschimpfen.

Da es keinen Sinn hat, sich mit Hundehaltern auseinanderzusetzen (Ich verallgemeinere hiernatürlich und weiß es im Besonderen besser …), sagte ich einfach gar nichts und beobachtete, während Herrchen mir mein um diese Uhrzeit Dasein vorwarf, Bello, der nach wie vor sich gegen die Gesetze der Physik zu widersetzen versuchte, doch sein Halter war, wieder stehend, stärker. Und zu meinem Glück blieb wieder einmal die Frage offen, was ein relativ großer Hund eigentlich täte, risse er sich von der Leine wirklich mal los. Meiner Meinung nach muss ein Hund mit einer blinkenden Stirnlampe umgehen können. Und, ich muss es erwähnen, ich hatte nicht den Eindruck, dass Bello spielen wollte. Und schon gar nicht nach meinen Spielregeln.

Nach diesem Vorfall war ich noch viel hellerwacher als nach dem Kettenvorfall und konnte mich wieder auf das nahezu meditative Vogelzwitschern konzentrieren, als ich am Landtag vorbeilief, wo ich gottseidank nie wieder reinmuss. Nach einer halben Stunde etwa traf ich auf die ersten Gleichgesinnten. Manchmal grüßt man, manchmal nicht. An sich ist es ein ungeschriebenes Gesetz und ohnehin ja Höflichkeit, andere Läufer zu grüßen. Man ist ja Bruder im Geiste und zu einer solchen Uhrzeit ja mehr denn sonst. Man sieht sich im Vorbeilaufen an und gesteht sich gegenseitig zu, besonders toll zu sein, so früh am Morgen zu laufen. Man grinst sich nahezu an.

Dann gibt es aber auch Entgegenkommende, bei denen man sofort merkt, die werden nie zurückgrüßen. Die schon angestrengt nach vorn gucken oder beiläufig auf ihre Uhr. Also fängt man mit dem Grüßen erst gar nicht an. Und wird dann teilweise unangenehm überrascht, wenn sie von ihrer Uhr oder von ihrem Handy wieder hochblicken, um doch noch zu grüßen. Man fühlt sich dann plötzlich wahnsinnig unhöflich und grüßt betont höflich zurück, als sei das von Anfang an der Plan gewesen. Aber ich habe auch schon oft ins Leere gegrüßt. Meiner Meinung nach sind es vor allem ältere Damen, die nicht zurückgrüßen. So viel zur oftmals vermissten Höflichkeit jüngerer Menschen, zu denen ich mich mit meinen 36 Jahren ja durchaus noch zählen kann. Unter Meinesaltrigen wird grundsätzlich immer gegrüßt, ältere Herren grüßen ebenfalls so gut wie immer. Grundsätzlich nicht gegrüßt wird zwischen Walkern und Läufern, was in der sozialen Barriere begründet ist. Vermutlich schämt sich vollkommen zurecht der Walker vor dem richtigen Sportler.

„Seppo, das kannst du so nicht schreiben!“, sagt gerade meine Mitbewohnerin, die mir über die Schulter blickt.

„Doch. Denn wer das ernstnimmt, fühlt sich nämlich lediglich ertappt.“

Letztlich war meine Geschwindigkeit beim heutigen Frühlauf geringer als die eingangs erwähnten und angepeilten 10,3 Stundenkilometer, was wohl wirklich damit zusammenhing, dass mein Körper während des Laufens noch schlief. Zumal ich es sehr schätze, vor dem Laufen schon der Hypertrophie gefrönt zu haben, da ich dann immer mit einem völlig anderen Körpergefühl und mit enormer Motivation loslaufe. Heute allerdings muss ich den Kraftsport am Abend nachreichen.


Wie sind Eure Erfahrungen mit besonders frühen Läufen? Oder lauft Ihr generell eher abends? Freue mich auf Eure Kommentare! Walker und Hundehalter können mich zudem auf meiner Facebook-Seite beleidigen!

13 Kommentare Gib deinen ab

  1. anwaweb sagt:

    Ich bin auch meistens ganz früh gelaufen, bevor der Tag erwacht. Leider musste ich zu den Walkern wechseln wegen diverser Knieprobleme. Aber ich grüße die Läufer trotzdem.. 😀

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    1. Seppo sagt:

      😉 ich grüße zurück

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  2. dergl sagt:

    Mich haben die Läufer auch immer gegrüßt als ich noch morgens halb sechs am Neckar geschlichen bin. Hier bin ich nur zu so Unzeiten unterwegs an denen mir nur Radfahrer begegnen. Da gibt es unterschiedliche Erfahrungen, sagen wir mal so.

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  3. agnes p. sagt:

    Außerhalb Berlins und am Stadtrand grüßen sich Läufer jeden Alters selbstverständlich. In der Innenstadt sieht das etwas anders aus, was vielleicht der Großstadtmentalität geschuldet ist und vielleicht auch der riesigen Zahl an Läuferinnen und Läufern, die zu jeder Tageszeit durch die Gegend hoppeln.

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  4. speedhiking sagt:

    Großer Hund am frühen Morgen
    wehrt Müdigkeit und kleinen Sorgen!

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  5. Herbert Ma sagt:

    In Wien wird beim Laufen wenig gegrüßt, ich hasse das, wenn der Gruß nicht erwidert wird – gut an der Prater Hauptallee am Samstag vormittag zu Grüßen ist für sich genommen schon ziemlich sportlich, ohne einen Fuß zu bewegen. Aber wenn mein unsicheres Nicken (= Grüßen) ich in einer Kleinstadt wie Stockerau, in der Au, von dem im Geist Verbündeten nicht erwidert wird, könnte ich regelrecht „auszucken“. Seiner Geschwindigkeit und meiner Trägheit ist es dann oft zu verdanken, dass es zu dem nicht kommt. Liebe Grüße aus Wien.

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  6. Fresh-Air sagt:

    Zum Thema „Grüßen“ hatte ich mich auch schon mal ausgelassen…
    Zusammengefasst:
    Morgens in Stuttgart, wenn wenig Läufer da sind, grüßt sich jeder. So ab halb zehn wirds weniger.
    Bei meinen Düsseldorf-Runden muss man schon sehr früh unterwegs sein, um gegrüsst zu werden bzw. den Gruss erwidert zu bekommen. Wobei sehr früh bei mir nicht so früh ist, wie bei Dir *g*… Sonntag ab acht ist ok.
    Wie oben schon Agnes meinte:
    Am Rande Berlins wird man immer grüßt (mag vielleicht auch daran liegen, dass man da noch fast jeden kennt, auch wenn man schon 20 jahre da nicht mehr wohnt).
    Meine Ulm-Runden stufe ich auch unter Kleinstadt ein (wobei die Runde ja auch am Rande der Stadt ist… is wie Dorf hier *g*).

    Mit Stirnlampe??? Echt jetzt?

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    1. Seppo sagt:

      es wird immer so lange darüber gelacht, bis man vom auto übersehen wird. ich bewege mich zwischen auto- und radfahrern und fußgängern. wer da ohne beleuchtung läuft, wird zurecht über den haufen gefahren.

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      1. Fresh-Air sagt:

        🙂 in der Stadt ist´s auch am frühen Morgen hell, im Wald fahren wenig Auto´s…. aber Du hast recht: jeder wie er es mag und wenn mich mal ein Auto beim Laufen umfährt war ich erstens wohl zu langsam und zweitens hab ich wohl Pech gehabt.

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  7. somi1407 sagt:

    Hast du schon mal was von der „Joggergrenze“ gehört? Wenn du eine Pace schneller als 4:00 läufst, dann bist du Läufer, ansonsten nur ein Jogger. Die Definition mag ich nicht 😦

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  8. Apropos Hunde. In den letzten Jahren war ich wenige Male abends ‚joggen‘ und habe eine Art Taschenlampe mitgenommen, um mir den Weg ein bisschen zu beleuchten. Es ist ein Weg, auf dem sehr viele Hunde spazieren geführt werden. Ich habe mir gedacht, wenn ich den Hund womöglich blende, macht ihn das vielleicht nervös. Deshalb habe ich, wenn ein Hund in der Nähe war, die Lampe immer anders herum gehalten und auf mich selbst geleuchtet, damit der Hund mich sieht und hoffentlich einordnen kann, wer oder was da auf ihn zukommt. Die Hunde blieben alle friedlich. Freilich weiß ich auch nicht, ob das immer funktioniert.

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  9. Anonymous sagt:

    Ich laufe mehr so abends . tagsüber habe ich nicht so viel zeit deswegen ist es eine gute Entspannung obwohl ich es nicht oft mache .(seufz)

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  10. das ist so gut geschrieben! dein blog ist so interessant zu lesen, ich mag es so sehr))

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