Über Laufstrecken

„Sah ein Knab‘ ein Röslein stehn“

Was hat das nun mit dem Thema Laufen zu tun? Absolut nichts. Ich denke gerade nur daran, wie unser Deutsch-LK-Lehrer das „Heidenröslein“ mit Kreide an die Tafel schrieb und ein Mitschüler daraus

„Sah ein Knab‘ sein Höslein stehn“

machte. Schiefertafeln vergessen eben nie.

Ich sitze in einem der schnellsten Verkehrsmittel, das der Mensch hervorgebracht hat: in der Magnetschwebebahn von Düsseldorf nach Berlin. Die Höchstgeschwindigkeit wird zwischenzeitlich bei rund 300 Kilometern pro Stunde liegen. Diese Geschwindigkeit erreiche ich selbst während einer Sprinteinheit vermutlich nicht, denn das entspräche ja einem Tempo von zwölf Sekunden pro Kilometer! Laufen ist also eine einigermaßen unkomfortable Fortbewegungstechnik, wenn ich noch am Nachmittag in Berlin ankommen möchte. Und dennoch laufen so viele von uns. Was stimmt nicht mit uns?!

Aber das macht den Menschen ja aus: seine Ausdauer. Gut, an sich machen ihn Intelligenz, Kultur und Bewusstsein aus, aber Ausdauer ist genau sein Ding. Von der er wenig hat, ist ihm ein Gepard auf den Fersen. Als Fluchtmittel bietet sich hier dann doch eher die Magnetschwebebahn an.

Doch kommen wir nun zu etwas völlig anderem. Kommen wir zu der Frage, wie relevant es eigentlich ist, wo wir laufen.

In meinen ersten Jahren des Laufens beging ich den Fehler, Runden zu laufen. Ich lief um den heimischen „Steinersee“ in einem Vorort Münsters, erst ein Mal, dann zwei Mal, später neun Mal herum. Irgendwann war es dann der Münsteraner Aasee, den ich beflissen umrundete, bevor ich nach bedenklich langer Cait realisiert hatte, dass Laufen unfassbar langweilig werden kann, gestaltet man es monoton. Womöglich nahm ich es einfach hin, weil ich der Indoktrination erlag, dass Laufen per se langweilig sei.

Laufen ist sicherlich nicht der abwechslungsreichste Sport, aber dass er todbringend langweilig ist, verfehlt die Wahrheit ebenfalls. Denn zwei Aspekte können für eine gewisse Kurzweile sorgen. Zum einen – und darum soll es hier gar nicht gehen – sollte sich jeder Lauf von dem des Vortages unterscheiden. Auf einen Dauerlauf sollte beispielsweise ein Intervall- oder Pyramidenlauf folgen oder man streut hier und da Fahrtspiele ein, wenn man sich nicht gerade bei einem strammen Tempolauf verausgaben möchte.

Der zweite Aspekt ist der Anlass dieses atemberaubenden Artikels, der nach nun 360 Wörtern zum Punkt kommt. Mein Deutsch-LK-Lehrer hätte mir allein für diesen späten Caitpunkt ein „Ausreichend“ verpasst … Mir geht es hier um die Beschaffenheit der Strecke. Denn nicht jeder hat die Möglichkeit, diese tagtäglich zu variieren, wie ich seit rund einem Jahr weiß. Einer bitteren Erfahrung wegen.

Seit rund zehn Jahren laufe ich in der stolzen Stadt Düsseldorf (Selten erlebt, dass die Bürger einer Stadt diese so dermaßen verklären.). Zum Laufen ist Düsseldorf tatsächlich ein Paradies, insbesondere dann, wenn man das Vergnügen hat, in der Nähe eines Waldes zu wohnen. Denn dann stehen einem alle Optionen offen!

Wald ist zweifelsfrei toll. Unbefestigte Wege, gelegentliche Steigungen, frische Luft und mitunter eine tolle Aussicht. Was will man mehr?!

Abwechslung will man! Denn schon nach wenigen Wochen kennt man jeden Baum persönlich, geht einem das Auf und Ab (das zum Beispiel die Düsseldorfer Stadtwälder bieten) auf den Zeiger und permanentes Laufen auf weichem Untergrund schadet den Gelenken. Aus diesen Gründen, die freilich subjektiver Natur sind, aber ab sofort für alle Menschen gelten, freue ich mich, dass ich jeden Tag aufs Neue entscheiden kann, ob ich durch Wald, über Land oder quer durch die Innenstadt laufe.

Einerseits ist es ein Höllenritt, beispielsweise an einem Samstagvormittag durch die Einkaufszone zu laufen, andererseits kann genau das den Reiz ausmachen: das permanente Ausweichen vor Menschen, das Ausmachen von Lücken zwischen Passanten, durch die man durchhuscht, sodass diese sich erschrecken und einen anpöbeln, was ich eher als ein Anfeuern verstehe. Das kommt einem Parcours-Lauf nahe, der einem so richtig das Dings, wie heißt es, das Adrenalin durch die Adern schießen lässt.

Brauche ich es etwas ruhiger, aber nicht menschenleer, wähle ich den Rhein als Teil meiner Laufstrecke. Wobei ich nicht über oder durch den Rhein laufe, sondern nebenher. Obwohl, mittels der Rheinbrücken überquere ich ihn mitunter durchaus und lande so in Düsseldorf-Oberkassel, einem Viertel, von dem man sagt, dort lebten die etwas betuchteren Menschen Düsseldorfs. Kommunalpolitisch fiel übrigens jüngst die Entscheidung, dass Oberkassel ab 2025 eigenständig, also ausgemeindet wird.

Als ich vor zehn Jahren in diese überschätzte Stadt gezogen war, freute ich mich auf den Rhein. Hatte ich doch zuhause in Münster nur den Dortmund-Ems-Kanal zur Verfügung. Der Rhein ist stellenweise zehnmal breiter als mein Kanal. Doch es drohte Ernüchterung: Wer einmal zwei Stunden entlang einem Fluss gelaufen ist, wird feststellen, dass die Aussicht immer dieselbe bleibt: ein Fluss. Das Phänomen kannte ich durchaus schon vom Kanal in Münster. Aus diesem Grunde macht der Rhein stets nur einen Teil meiner Laufstrecken aus. Übrigens, ein weiterer Vorteil des Kanals: Sein Wasser ist sauberer (da Trinkwasser für Notfälle) und vor allem kann man darin schwimmen, was für den Rhein in Düsseldorf nicht gilt. Kein Sommer, in dem nicht jemand dort ertrinkt, weil er die Strömungen unterschätzt hat.

Dann sind da noch die zahlreichen Parks in Düsseldorf. Wirklich ein Plus dieser Stadt. Gut, Hintergrund ist natürlich, dass die Stadt ansonsten grau daherkommt und mit Blechlawinen durchzogen ist. Es braucht also diese Ruhepunkte, die sich ebenfalls hervorragend für das Laufen eignen. Ich wohne zufällig am Volksgarten beziehungsweise Südpark. Beide bilden die größte Grünfläche der Stadt, die von Kanada-Gänsen aus Südafrika besetzt wird. Weil es zu viele geworden sind, will man ihnen nun im kommenden Frühjahr die Eier stehlen, da man nicht wagt, sie abzuschießen. Und weil ich oft durch den Volksgarten (als Teil einer Strecke!) laufe, kenne ich viele Gänse mit Vornamen. Ich kannte vor einigen Jahren auch Schwan Klaus, dem Halbstarke den Hals umgedreht haben. Warum tötet man Schwäne?

Und warum stößt man Menschen mutwillig eine Treppe herunter?!

Damit kommen wir nun in die Hauptstadt Berlin, wo ich Teile der Woche arbeite. In der Folge laufe ich dienstags und mittwochs im Schatten des Brandenburger Tores. Wenn dieses denn einen seeeeehr weiten Schatten wirft, da ich strenggenommen im Brandenburgischen Falkensee bei Berlin-Spandau laufe. Ich erinnere mich sehr gut an meinen ersten Lauf dort im April des ausklingenden Jahres.

Falkensee sieht genau so aus, wie es der Klang seines Namens vermuten lässt. Wer einmal nachfühlen möchte, wie gehörlose Menschen die Welt wahrnehmen, der muss nach Falkensee. Absolute Stille. An sich der perfekte Drehort für eine weitere langweilige Staffel von „The Walking Dead“. Falkensee scheint steckengeblieben zu sein im Aufbau Ost: Manches ist marode, anderes wiederum frisch saniert. Damit ich nicht falsch verstanden werde: Falkensee ist durchaus nicht unbeliebt. Viele Menschen leben gerne dort. Aber kann man da laufen?!

Der erste Lauf war toll. Überwältigend. Überall Wälder. Keine tiefen zwar, aber dennoch. Dann die vielen Felder! Damals lief ich in einen beeindruckenden Sonnenaufgang; pure Euphorie. Das Foto links zeigt diesen Anblick vom 19. April dieses Jahres.

Wenige Wochen später: pure Enttäuschung. Die meine nicht laufenden Kollegen nicht nachvollziehen können. Es gebe doch die tolle Landstraße, an deren Rand ich entlanglaufen könne! Die vielen Wälder!

Einem Nicht-Läufer ist offenbar nicht klar, dass stundenlanges Laufen entlang einer Straße maaaaal ganz nett sein kann, aber eben auch nicht monotoner. Und die Wälder, ja, hmmm, also es sind flache Wälder mit der immer gleichen Flora. Und vor allem: mit Wildschweinen. Nachdem ich zweimal innerhalb weniger Wochen diesen imposanten Tieren begegnet war, von denen eines die Verfolung aufnahm, ist der Wald für mich tabu. Ich weiß, ich weiß, Wildschweine tun ja nichts. Bla. Tun sie doch. Es geht 100 Mal gut, beim 101. Mal trifft man auf ein misslauniges Exemplar, das einem vor Augen führen möchte, wer der Schnellere von uns beiden ist – immer das Schwein. Ich brauche das nicht mehr.

Die Wohngegenden Falkensees sind Horror. Man muss die Stille mögen. Ich mag eher die Unruhe einer Stadt. Es gibt Läufe, bei denen ich dort keinem einzigen Menschen begegne. Das kann maaaal toll sein, aber eben auch sehr langweilig. Und dann fiel mir etwas auf, das mich arg irritiert. Sie haben dort keine Bürgersteige. Sie haben Rasenstreifen. Und Gräben. Manch Hausbesitzer muss nach Verlassen seines Hauses erst einmal einen Graben überwinden. Dieser anspruchsvolle Untergrund – fürs Laufen freilich ein Plus. Aber schade, dass dort jede Straße aussieht wie die andere. Ich habe mich in 17 Jahren des Laufens nie so dermaßen gelangweilt bei meinem Sport wie in Falkensee. Mir fehlen sogar die Worte, um diese Langeweile, diese Tristesse zu transportieren. In Falkensee ist Laufen für mich eine Qual geworden, während der ich die Minuten nur so zähle.

Das alles ist natürlich eine Frage des persönlichen Geschmacks. Andere Läufer mögen womöglich genau das, was mir eine Folter ist. Aber eines findet man in Falkensee keinesfalls: Abwechslung. Keine großen Straßenkreuzungen, keine Brücken, keine Hügel, keine skyline und keine Menschen.

Der Vergleich ist freilich nicht fair, aber in Düsseldorf kann ich jeden Tag entscheiden: Laufe ich durch Menschenmassen? Will ich Wasser sehen? Oder doch eher Bäume? Will ich Asphalt? Oder Sand? Oder gar beides? Verlasse ich in Laufschuhen meine Wohnung, kann ich in etwa sechs Richtungen laufen; jede bringt eine andere Strecke mit sich. In Falkensee sind es zwei Richtungen. Und welche ich nehme, macht keinen Unterschied.

Nebenbei: Vergleiche nutzt man ja genau deshalb, um Unterschiede herauszustellen. Vergleiche meinen nicht Gleichmachen. Eben deshalb kann man Äpfel mit Birnen vergleichen.

Auf diese Weise ist mir klargeworden, wie relevant es ist, wo man läuft. Dass Laufen eben nicht per se langweilig ist. Und wieder einmal ist mir bewusst geworden, dass man Verständnis nur unter Gleichgesinnten erntet.

Mir gegenüber sitzt ein Fahrgast, dem offensichtlich eine Zigarette aus dem Ohr heraushängt. Erst jetzt kapiere ich, dass es sich um diese kabellosen in ears handelt. Sieht das scheiße aus!

Welche sind Eure Erfahrungen? Variiert Ihr oder lauft Ihr vorzugsweise Wald beziehungsweise Stadt? Schreibt mir gerne in den Kommentaren, die AGB der Laufeinheit zwingen Euch sogar dazu. Hättet Ihr sie mal gelesen!


Die besten Sex-Stellungen für Läufer findet Ihr auf Instagram und auf meiner Facebook-Seite!

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Klara sagt:

    Hallo Seppo, ich laufe vorzugsweise Stadt. Dann gleich mehrere Kilometer-.
    ohne mit Menschen zu reden. Das tut mir gut. Ich bin gerne unter Menschen, bin aber in meiner Freizeit froh, wenn ich nicht mit ihnen sprechen muss, denn das muss ich im Beruf dauernd.
    Deshalb bin ich ein Stadtläufer, der sich dort gerne die Menschen vor Weitem ansieht, ohne ihnen helfen zu müssen. Das ist ein gutes Gefühl…
    Gleichzeitig hält es mich fit.

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  2. Fresh-Air sagt:

    Stammstrecken kann man jetzt nicht gerade sagen, aber mit der Zeit bleibt es einfach nicht aus, dass man die eine oder andere Strecke schon mal so oder ähnlich gelaufen ist. Versuche dann zumindest ab und zu mal ne andere Strasse zu nehmen.
    Hier zu hause in Stuttgart gibts entweder die zum Kräherwald hoch (50% Asphalt, 50% unbefestigt, je nachdem 200-300 Höhenmeter) oder mit Millionen anderer Läufer die Innenstadtrunde durch den Schlossgarten (100% Aaphalt), wenn ich mal keine Lust auf Berge habe.
    Wenn ich beim Gatten in Düsseldorf bin, geht´s den Rhein entlang, auch wieder nur Asphalt, bis auf die Rheinkniebrücke hoch kompett ohne Höhenmeter, was mir gefällt *g*.
    Arbeitstechnisch unter der Woche (welch plöde Wortschöpfung) in Ulm gibts da auch die zwei bis drei Standardstrecken, die zwar auch über die Felder führen, trotzdem blöderweise meist asphaltiert sind.
    Am schönsten, weil ohne Asphalt und Höhenmeter, ist dann aber doch das Laufen bei Muddern zu Hause am Rande Berlins. Weiss gar nicht, warum Falkensee Dir lauftechnisch nicht gefällt! Aber vielleicht muss man auch aus dem Bradenburgischen kommen, um es zu mögen *g*

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  3. Fahr-Bine sagt:

    Moin Seppo!
    EIn sehr interessanter Beitrag , ich bewundere Euch Läufer immer wieder! Leider hab ich damit irgendwie nix am Hut, damals hatte ich oft Seitenstraßen beim Waldlauf und es dann gelassen. Mein Job ist schon körperlich und auf höchstem Niveau der Konzentration sehr kraftraubend und brauche daher nur meine Pilates Einheiten zur Entspannung😆😊! Übrigens bin ich dabei meine Website zu überarbeiten “ Klönsnacktreff für Berufskraftfahrer……“
    Schreiben ist doch nicht so leicht wie gedacht😊!
    Wünsche dir einen schönen 3. Advent! Viele Grüße aus Hamburg sendet Sabine!

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    1. Seppo sagt:

      so findet jeder seinen sport! danke und auch dir einen schönen dritten advent!

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      1. Fahr-Bine sagt:

        🎄🎄🐞☕

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  4. langeguido sagt:

    Die Strecken sollen sich abwechseln, genau wie die Schuhe, das Tempo, die Länge, den Untergund. Das ist gar nicht so einfach. Am besten noch Mittelgebirge: Hoch und runter, mal links rum, mal rechts rum. So kommt schon deshalb vie Abwechslung rein. Falkensee: boah, da ist ja gar nichts von dem! Stimmt, schreibst Du ja.

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  5. Oliver sagt:

    Als ebenso zugezogener Düsseldorfer, kann ich vieles unterstreichen, klemme mir allerdings die „Stadtparks“ (zu voll, zu klein, zu viele Lauftussis/-hipster) und belasse es bei Aaper/Grafenberger Wald oder ausgedehnten Rheinstrecken. Die sind variabel, nach Laune. Klar kenne ich jeden Kiesel und jeden Baum (ach was: Ast!) mit Vornamen, aber so wird es einem wohl früher oder später überall gehen. Echter Vorteil DDorf: ich kann flache Strecken laufen oder Hügel und bin so oder so innerhalb von 3km raus aus der Stadt. Könnte schlimmer sein 🙂

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