Laufen mit Kater

Katerbeseelt sitze ich noch einige Stunden im Zug. Man findet mich in Wagen 25, der das „Bordbistro“ beherbergt. Der Hipster an sich hält sich sonntags ja gerne in einem Bistro auf. Und bruncht. Dabei führt er lockere einem Sonntag angemessene Gespräche, wobei er sich gelegentlich mit der Hand durch seinen Vollbart fährt, manchmal darin hängenbleibt.

Ich hingegen habe heute einen deftigen Kater. Flaschenweise floss der Wein am Vorabend bis tief in die Nacht. Raubbau am Körper, zweifellos. Aber verträgt sich das eigentlich mit dem doch eigentlich so sportlich ausgerichteten Leben? Lese ich nicht immer wieder, dass Alkoholkonsum dem Muskelaufbau absolut abträglich sei?! Dass es ein no-go sei?! Kürzlich noch ein Buch gelesen, in dem der gestählte Autor geradezu mit seinem Leser schimpft: Ein Rausch mache alle Fortschritte zunichte, der Muskel könne gar nicht wachsen!

Er hat vermutlich recht. Aber will ich deshalb absoluter Askese verfallen?! Nein. Im Gegenteil. Meine Philosophie ist eine andere, eine sehr komfortable: Gerade weil ich so viel Sport treibe, kann ich mir gelegentliche Ausflüge in die Abgründe menschlichen Vergnügens wider jede Vernunft leysten! Locker steckt mein Körper einen – dezent ausgedrückt – ausgelassenen Abend weg. Er lacht mich geradezu aus:

„Damit willst du mich herausfordern? Mit ein paar lächerlichen Flaschen Wein?!“

Womit er aber nicht unbedingt rechnet: Trotz des Katers – oder gerade wegen dessen! – laufe ich. Läufe mit Kater und im Grunde noch mit Alkohol im Blut sind eine interessante Angelegenheit.

Natürlich wirkt nichts einem Kater besser entgegen als Sport. Ein Lauf durch die frische Luft bläst jeden noch so massiven Kater fort. Aber man zahlt einen hohen Preis. Ich blicke zurück auf eine Geschichte mannigfaltiger „Katerläufe“, die sich in zwei Klassen einteilen lassen.

Da ist die Klasse eins: Ich erwache aus dem unruhigen alkoholgetränkten Schlaf und weiß zunächst nicht, wo und was ich bin. Wenn ich dann realisiert habe, dass ich ein Mensch bin, kommt mir als nächstes der Gedanke:

„Kackenddreck! Du musst heute laufen!“

Angesichts eines hämmernden Kopfes und eines geschwächten Körpers, der an sich nur an Sex und fetthaltige Nahrungsaufnahme denken kann, ist das ein denkbar grauenvoller Gedanke. Doch ich weiß, ich habe keine Ausrede, ich muss laufen. Und vor allem weiß ich: Egal, wie qualvoll der Lauf wird – und das wird er! -, danach wird es mir mein Körper danken. All die Mittelchen gegen einen Kater – sie bringen doch nichts! Kann mir niemand erzählen. Lediglich Sport vermag Linderung zu verschaffen.

Tatsächlich kennt mein Körper an so einem Tag wie heute nur zwei Triebe: Essen und Sex. Ich sag, wie es ist. Und diese beiden Aspekte dienen mir der Motivation. Denn vor dem Laufen ist die Einnahme eines hochkalorigen Gerichts keine Option, da ich danach freilich nicht mehr laufen kann. Aber nach dem Laufen! Danach kann ich speisen wie ein Gottfürst. Und je schneller ich mich zum Laufen aufmache, desto schneller komme ich zum Essen! Auf diese Weise verknüpfe ich niedrigste Triebe mit so etwas Sinnvollem wie Sport. Der Tag nach dem Alkoholkonsum ist somit kein verschenkter, was er andernfalls in aller Regel wäre!

Sportler reden stets von Trainingsanreizen. Man solle Muskeln und Herzkreislaufsystem immer wieder aufs Neue überraschen. Herausfordern. Nur so erreicht man einen Trainingseffekt. Und exakt das tue ich. Erst richte ich ihn zugrunde, um dann am Folgetag alles aus ihm rauszuholen! Und wie wir wissen, merkt sich der Körper ja alles, um sich für das nächste Mal besser zu wappnen. Das übrigens meint Trainingseffekt, die Anpassung an immer größere Herausforderungen.

Ich laufe los. Ich spüre die körperliche Schwäche in meinen Beinen. Bei jedem Schritt. Die Kopfschmerzen laufen ebenfalls mit. Die ersten Minuten sind eine Tortur, das ganze Unterfangen des Laufens mit Kater scheint ein schwerer Fehler zu sein! Man fürchtet zu sterben.

Doch nach nur einer halben Stunde fängt sich der geschundende Körper. Da ist sie wieder, diese Leichtigkeit, mit der man wie gewohnt über den Asphalt fliegt. Man schwitzt und stinkt vermutlich mehr als sonst, aber so kann ich mir zumindest einbilden, ich schwitze den Alkohol aus. Tatsächlich kann der Mensch den Alkohol nicht ausschwitzen. Dazu müsste er ja Blut ausschwitzen. Aber es fühlt sich eben so an, als täte man das; den Dreck nach außen spülen. Und dann kommt man wieder zuhause an und ist ein ganz anderer Mensch: keine Spur mehr vom Kater! Hochmotiviert! Leistungsfähig! Euphorisch! Darauf ein Bier!

Katerläufe der ersten Klasse sind eine Qual. Man kämpft mit sich. „Muss ich wirklich laufen?!“ Ja. Man muss. Denn man weiß, dass es geht. Somit gibt es keine Ausrede. Man will sein Wochenziel nicht gefährden. Und was bedeutet die Alternative, also nicht zu laufen? Dass man den ganzen Tag hadert mit sich. Bis man abends zu dem Schluss kommt: „Wäre ich doch mal gelaufen!“

Allein, um sich dieses Hadern zu ersparen, schafft man Tatsachen. Und läuft so früh wie möglich los. Und hat es hinter sich.

Bissl besser sind da die Katerläufe der Klasse zwei: Sie profitieren vom Restalkohol, der zu einer postalkoholischen Fröhlichkeit führt. Man wacht auf und ist seltsam gut gelaunt. Das kenne ich ganz gut. Neben mir liegt meine Freundin und man witzelt so rum. Auf albernsten Niveau, das man aber lustig findet. Eben weil man noch völlig vernebelt ist. Heute Morgen beispielsweise lag ich alleine im Bett. Also witztelte ich via Facebook mit Freundin Sabrina rum. Sie war zwar offline, aber was soll’s. Ich war halt gut gelaunt. Stunden später realisiere ich, dass ich den Humorgehalt völlig überschätzt habe, schäme mich sogar für die eine oder andere Aussage. Egal, sie kennt das von mir.

Der Restalkohol mit seiner guten Laune hat einen aufs Laufen bezogen supi Effekt: Oftmals habe ich plötzlich voll Bock auf Laufen! Ich weiß in dem Moment zwar sehr genau, dass die gute Stimmung eine vom Alkohol getragene Illusion ist, aber ich scheiße drauf. Um sie auszunutzen. Wie bei den Katerläufen der Klasse eins gilt auch hier: möglichst schnell loslaufen! Denn spätestens gegen frühen Nachmittag, wenn der Alkohol weiter abgebaut ist, verfliegt die gute Stimmung, um einem deftigen Kater Platz zu machen.

Und so laufe ich los. Anfangs schwebe ich wieder über dem Untergrund. Laufe womöglich sogar zu schnell. Die Zeit verfliegt!

Leider stelle ich nach einer gefühlten halben Stunde dann fest, dass erst zwei Minuten vergangen sind und die Kräfte bereits nachlassen. Die gute Stimmung schlägt um. Ich habe mich gnadenlos überschätzt. Ich röchle rum und trete mit mir in Verhandlungen: Lauf abkürzen? Auf keinen Fall. Wie soll ich das vor mir rechtfertigen?!

Beide Arten der Katerläufe sind qualvoll und werden leider erst am Ende belohnt. Aber immerhin!

Doch was macht Sport mit uns, wenn wir einen Kater leiden? Er regt den Stoffwechsel an, der Körper greift umgehend auf den Alkohol zurück, um genau den zu verstoffwechseln. Keine Ahnung, was verstoffwechseln genau meint. Man wirft halt so mit Wörtern um sich, die toll klingen. Aber ich darf annehmen, er baut ihn schlicht ab und gewinnt womöglich auch noch Energie aus ihm. Etwas ungünstig jedoch ist der Umstand, dass dadurch die Giftstoffe des süffigen Gesöffs vom Vorabend noch schneller und in noch größeren Mengen durch den Körper sausen, was den Kater verschlimmert! Das ist eine ganz miese Nummer, die das bis hier Geschriebene völlig über den Haufen wirft! Doch Obacht! Lasst Obacht unser Motto sein! Der Körper baut den ganzen Dreck nun auch viel schneller ab. Und dann sind da ja noch die Glückshormone, die beim Sport ohnehin immer freigesetzt werden, die für eine ausgelassene Stimmung Sorge tragen.

Grundsätzlich – und nun werde ich sehr ernst inklusive Betroffenheitsmimik – empfiehlt sich vor einem Katerlauf die Aufnahme von betont viel Flüssigkeit (Bier, Gin, Wodka). Denn Alkoholkonsum führt dazu, dass wir temporär etwas austrocknen. Macht man dann noch schweißtreibenden Sport, trocknet man noch mehr aus und verfällt im extremsten Fall zu Asche. Also: trinken! Und natürlich nicht übertreiben mit dem Pensum. Mit Kater genügt auch eine halbe Stunde Laufen. Übertreibt man es, ist Tod eine mögliche Folge. Naja, etwas überspitzt dargestellt, aber ein Kreislaufkollaps ist vielleicht drin.

Und leider ist es ein Mythos, dass man durch Sport den Alkohol schneller abbaut. Denn die Leber schafft nun einmal nur 0,1 Promille in der Stunde; egal, ob man nun läuft oder sich an die Decke hängt.

Wie sooft im Leben muss jeder für sich selbst entscheiden, ob Sport mit Kater eine Option ist. Meiner Erfahrung nach gibt es nichts Besseres. Eine leichte Laufeinheit (hihi, so heißt ja auch dieser Blog, hihihihi, Schnauze, ich geb dir gleich hihi) schadet mit Sicherheit nicht, denn ich wiederhole: Wir legen hier einen trainierten Körper zugrunde (wir richten einen trainierten Körper zugrunde), der das locker mal wegstecken kann. Darum tun wir das doch alle, die wir hier schreiben und lesen: zwecks Abhärtung. Um fitter zu werden. Und der Lohn darf doch auch mal sein, sich für einige Stunden mal so richtig gepflegt gehen zu lassen. Das haben wir uns verdient.

Scheiße ist natürlich, man ist so völlig unsportlich und gibt seinem Körper dann noch so richtig einen mit. Heidewitzka, das könnte ich inzwischen mit mir nicht mehr vereinbaren. Ich habe inzwischen sogar Probleme, einen Tag mal gar keinen Sport zu treiben. Ich bin sicher, der eine oder andere von Euch kennt dieses Gefühl an einem sportfreien Tag. Man glaubt, man lasse sich gehen. Rational ist uns klar, dass das Unsinn ist, aber wie viele von uns – außer mir – handeln schon rational?!


Völlig irrational ist ein Besuch meines Instagram-Profiles. Hingegen rational der meiner Facebook-Seite, die vollgepackt ist mit digitalen goodies. Sagte mal ein Dozent von mir: „Auf meiner Seite habe ich digitale goodies für Euch!“ Was für ein Unsinn! Ich habe aus Protest seine Seite nie besucht. Digitale goodies am Arsch!

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Seppo sagt:

    Hat dies auf rebloggt.

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  2. Madddin sagt:

    Vor etlichen Jahren war ich Samstag Abend auf einem Konzert der Toten Hosen, habe Pogo getanzt, geraucht wie ein Schlot und gesoffen wie ein Loch. Am nächsten Tag war Hermannslauf von Detmold nach Bielefeld – nicht irgendeine Pille-Palle-Trainingseinheit, sondern 31 km auf und ab durch den Teutoburger Wald. Es wurde ein Tag der Tränen.

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    1. Seppo sagt:

      hahahah 🙂 aber du hast es überlebt!

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      1. Madddin sagt:

        Teile von mir waren kurz davor, den Schlitz für den Löffeleinwurf zu suchen.

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  3. haaaach…. laufen mag ich im Moment auch ohne Kater nicht. Faule Säckin! Un dich denke auch nicht, dass mich auch nru irgeneiner von euch dazu motivieren könnte… Sass den Tag bisher vor dem Komputer, hab zweimal gegessen und ein Packl Keks vermampft und geht jetzt ins Bett und les an meinem Liebesroman weiter… so schaut’s aus, Jungs. Und wer von euch das ändern KANN, der kriegt die Tagperkeitsverdienstmedaille in Sahne!

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  4. utwentyone sagt:

    mega witziger Beitrag trifft genau meinen Humor:D lustig wirds auch wenn einem beim Laufen mit Kater dann Leute entgegenkommen…

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  5. chefgue sagt:

    Ich rechtfertige meinen völlig übertriebenen Alkoholkonsum in meinem Freundeskreis auch immer damit, dass ich eben regelmäßig laufen oder radfahren gehe und der Gesundheitsfaktor mit +/- 0 somit ausgeglichen ist.
    Würde ich nur saufen, wäre es genauso ungesund, wie durch den Sport zu einem völlig kolossalen Kraftpaket mutiert zu sein.

    Danke jedenfalls für die Bestätigung. Werde bei zukünftigen Diskussionen jetzt einfach wortlos auf diesen Beitrag bzw. Blog verweisen.

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  6. Christian sagt:

    Oja, da ist wirklich was dran. Am Osterwochenende: Zu Besuch in der Heimat meiner Frau, mein Schwager hatte einen neuen Wiskey zum kosten, am Abend war die Flasche leer und nächsten Morgen rüttelt mich meine Frau mit einem Grinsen wach: „du wolltest doch laufen gehen?!“ und ein Mann muss tun was er tun muss … es wurde zwar nur ein kurzer 6km Traillauf aber ich war den Rest des Tages super drauf … bestimmt besser als ohne …

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