Sportsucht

Heute laufe ich nicht. Für dieses Jahr ist mein Pensum erreicht, damit kann ich leben. Hab ja noch den Kraftsport. Allerdings habe ich nach zähen Verhandlungen mit meinem Körper eben beschlossen, auch den heute zu unterlassen, also einen der seltenen Tage zu verleben, an dem ich keinerlei Sport treibe. Und so richtig gut fühle ich mich damit nicht. Doch mein Körper hatte die besseren Argumente, insbesondere die Schultern, die einen heftigen Muskelkater beklagen, der ja ein gutes Zeichen vor dem Hintergrund des Muskelaufbaus ist. Heute stünden an sich der obere Rücken sowie zwei meiner Trizepse auf dem fein austarierten Trainingsplan, doch fürchte ich, dass die Inanspruchnahme meines Rückens die Regenerationsphase meiner Schultern konterkarieren würde; also entscheide ich vernünftig und gebe mich eben jener Regeneration hin, weil auch ich endlich verstanden habe, dass genau sie das Gros eines Trainings ausmacht.

Gelegentlich wird mir – wohl auch oft im Scherz – unterstellt, ich sei sportsüchtig. Und freilich überlege ich auch gerade, ob es nicht mindestens total benagelt ist, dass ich mich gerade schlechtfühle, weil ich cainen Sport mache. Leide und sterbe ich bald an Sportsucht?!

Abgesehen davon, dass Sportsucht keine international anerkannte Erkrankung wie etwa Fressucht ist, gehört zum pathologischen Ausmaß des sportlichen Treibens und seinen Folgen mehr als lediglich das schlechte Gewissen. Oftmals tritt Sportsucht in Begleitung einer Essstörung auf. Man stelle sich jemanden vor, der massiv abnehmen will, daher nicht nur wenig isst, womöglich nebenbei noch das Gegessene erbricht, sondern auch noch exzessiv viel Sport treibt. In dem Falle mag dieses Sporteln sicherlich nicht gesund sein. Werfen wir einen Blick auf jene Sportsucht-Kriterien, die Marc Castillon in „Das Phänomen der Sportsucht“ (2007) zusammengestellt hat …

  1. Ausdauersport ist ein zentraler Lebensinhalt
  2. bei erzwungenem Verzicht auf Sport treten körperliche Symptome wie Nervosität und Magenschmerzen auf oder psychische wie Schuldgefühle oder Depressionen
  3. die Belastung wird kontinuierlich gesteigert
  4. der Drang zu trainieren wird als innerer Zwang erlebt
  5. körperliche Warnsignale vor Überlastung werden ignoriert
  6. es wird auch bei Verletzungen weiterhin trainiert
  7. soziale Kontakte werden wegen des Sports vernachlässigt oder aufgegeben

… und arbeiten wir die Liste Punkt für Punkt ab; vielleicht beruhigt es ja den einen oder anderen unter Euch – oder beunruhigt. Bin auf Eure Ergebnisse gespannt, schreibt sie gerne in die Kommentare.

Punkt eins: Zentraler Lebensinhalt in meinem Leben ist nicht der Sport, sondern bin ich. Siehe dazu -> Sepposucht. Von mir abgesehen allerdings wird es eng. Vorrang aber noch vor dem Sport hat meine Freundin. Dann aber, dann kommt der Sport! Und weil ich jeden Tag zirka drei, manchmal mehr!, Stunden mit Sport verbringe – praktisch, aber auch theoretisch -, neige ich dazu, an dieser Stelle zuzugeben, dass Sport ein zentraler Lebensinhalt von mir ist. Aber ist das bereits negativ zu bewerten?! Andere züchten den lieben langen Tag lang Bienenvölker. Honigsucht?!

Punkt zwei: Klares Nein! Weder werde ich nervös, leide an Schmerzen noch empfinde ich wirkliche Schuldgefühle! Puh.

Punkt drei: Natürlich wird die Belastung kontinuierlich gesteigert! Sonst könnte ich es ja gleich lassen. Wer die Belastung nicht permanent erhöht, wird auch keinen Trainingsfortschritt erzielen, sondern im schlimmsten Fall das Gegenteil! Monotoner Kraftsport beispielsweise hat Muskelabbau zur Folge, nicht dessen Aufbau!

Punkt vier: Klar, es ist ein Drang. Ich nenne ihn aber „Motivation“. Insbesondere beim Kraftsport erlebe ich selten den inneren Schweinehund, den ich eher vom Laufen kenne. Auf das Krafttraining freue ich mich regelrecht und habe echten und vor allem ungezwungenen Spaß an der Sache.

Punkt fünf: Ja klar! Also man muss sich doch mal zusammenreißen! Kürzlich noch eine Brusttrainingseinheit gehabt, bei der ich nichts reißen konnte. Und mir war sofort klar, zumindest der Brustmuskel ist überlastet und schreit nach einer Pause! Er bekam sie dann auch. Und heute? Heute verzichte ich auf den Sport, weil meine Schultern mich deutlich warnen! Beim Laufen hingegen bin ich derart routiniert, dass ich fünf bis sechs Läufe pro Woche in unterschiedlichster Ausprägung hinbekomme. Ermüdung durch Laufen kenne ich nicht (mehr). Aber klar ist eben auch, dass ich dienstags keinen Marathon laufe, wenn ich am Montag zuvor einen Ultramarathon gelaufen bin!

Punkt sechs mit Milena Preradovic: Gut, also ich meine, ja, da muss ich … nicht, dass es oft passiert, aber … Hm, Punkt für die Sportsucht. Wenn ich bei jedem Wehwechen mich sofort aufs Sofa legen würde, würde ich da gar nicht mehr wegkommen. Seit etwa zwei Wochen schmerzt beispielsweise mein linker Unterarm. Merke ich insbesondere beim Bizepstraining. Der Schmerz ist Folge eines in den zurückliegenden Wochen intensivierten Unterarmtrainings, das ich früher nie durchgeführt habe. Der Sinn von Unterarmtraining ist auch umstritten, da der Unterarm eigentlich immer mittrainiert wird. Ich teste es derzeit eben aus und nun habe ich es zu häufig durchgeführt! Ich lerne ja daraus. Und dieser Schmerz, der wird wieder vergehen. Solange nichts anschwillt oder sich verfärbt, ist das eine Lapalie für mich. Und ja, ich bin auch durchaus mal mit schmerzender Achillesferse laufen gegangen. In den meisten Fällen geht das auch gut und nach 17 Jahren des Laufens kann ich das auch einschätzen.

Punkt sieben: Es ist ja wohl an mir, welche Prioritäten ich in meinem Leben setze! Sport und soziale Kontakte schließen sich ja nicht aus. Doch ich gebe zu, nein, ich sage sogar betont offen, dass der Sport bei mir einen extrem hohen Stellenwert hat. Da bin ich stur und verweise auf die höhere Lebenserwartung sturer Menschen. Denn was andere mit „stur“ negativ konnotieren, sehe ich als „prinzipientreu“, „willenstark“ und „unbeirrbar“ als durchaus positive Eigenschaft. Wenn ich mir ein Ziel setze, dann darf es bei dessen Durchsetzung keine Ausreden geben. Denn wozu setzte ich mir ein Ziel, um dann rumzulavieren?! Ich habe ein sehr klares Ziel hinter meinem Sport. Und es mir nicht gesetzt, um den Weg dorthin dann nicht zu beschreiten.

Fünf von sieben Kriterien erfülle ich. Oh. So viele?! Ich zähle nochmal nach. Hm, ja, doch. Fünf. Aber ich schränke ja ein. Drang ist bei mir Motivation, macht vier von sieben. Natürlich steigert man die Belastung! Macht drei von sieben. Und bei richtigen Verletzungen pausiere ich freilich. Zwei von sieben. Ich bin nicht sportsüchtig.

Menschen, die nach etwas süchtig sind, sind mittelfristig keine glücklichen Menschen. Drogen beispielsweise erzeugen zwar eine gute Laune, bringen einen langfristig jedoch oftmals um. Sind Tote glücklich?! Esssüchtige sind zweifellos unglücklich. Und Suchtsüchtigen ist gar nicht mehr zu helfen.

Sport setzt Endorphine frei, also „Glückshormone“. Lange glaubte man, sie könnten Sportler zu einem Suchtverhalten verführen. Inzwischen geht man davon aus, dass es keinen Zusammenhang zwischen der Menge des Endorphins im Blut und einer Abhängigkeit von ständiger körperlicher Bewegung gibt.

Der Sportpsychologe Professor Oliver Stoll vom Institut für Sportwissenschaft der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg wies nach, dass selbst Entspannungstraining zu einer Erhöhung der Endorphinwerte im Blut führt. Die Glückshormone sind demnach also nicht nachweisbar für die Sucht verantwortlich.

Eher glaubt man, Sport diene manchem der Ablenkung von Alltagsproblemen. Ich bestätige das insofern, als dass ich Sport in der Tat als probates Mittel kenne, in sich gehen zu können, Stress abzubauen und den Kopf freizubekommen. Nach dem Sport allerdings stelle ich mich den Problemen – mit klarem Kopf. Manch einer jedoch verliert sich im Sport, um den Alltag dauerhaft auszublenden. Das ist dann wohl ein Suchtkriterium: Realitätsflucht.

Stoll und seine Kollegen hatten eher den Verdacht, dass die Ablenkung von Alltagsproblemen bei der Entwicklung der Sportsucht eine Rolle spielt. Bei starker körperlicher Anstrengung konzentrieren sich die Sportler nur auf das Hier und Jetzt. Das schaltet die Gedanken ab und fegt Alltagsprobleme für die Zeit des Trainings beiseite. Ein Zustand, den die Sportler immer wieder haben wollen. Nicht anders wirkt eine Droge. So laufen die Sportler Gefahr, nur in der körperlichen Aktivität zu leben.

Vor einigen Monaten las ich in der „Zeit“ einen Artikel zu dieser Thematik. Fazit dort war, dass letztlich sehr entscheidend ist, ob man aus einem Drang heraus Sport treibt oder des Spaßes wegen. Die Frage kann ich mir guten Gewissens beantworten. Siehe oben.

Interessanterweise überlege ich gerade, in die Revision zu gehen und doch noch Sport zu treiben. Ich habe heute vor allem auch die Zeit dafür! Bisschen Kugelhantel schwingen kann ja nicht schaden …


Meine nicht vorhandene Sportsucht begleite ich auf meinem Instagram-Profil sowie bei Facebook.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. ivobec sagt:

    Sehr schöner Bericht…toll geschrieben! 🙂 Also ich bin ja nicht sportsüchtig…weil ich nur bei rund 90% der Punkte zustimmen kann. Hihi…Tag gerettet und jetzt geht’s auf zum Sport! 😛

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  2. kunterbunt79 sagt:

    Klasse geschrieben…auch ich liebe Sport, wobei laufen dazu nicht so dazu gehört..ist für mich eine reine Qual. Ich bleibe da liebe beim Krafttraining und schwimmen

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